[Rezension] Abgesang

Abgesang

Ausgang nimmt der Roman auf einem ehemaligen Schlachtfeld in Frankreich wo ein unbekannter britischer Soldat exhumiert wird. Er soll wenige Tage später in London ein Ehrenbegräbnis erhalten, stellvertretend für all die Männer, die ihr blutiges Ende im Krieg gefunden haben.

In London leben drei Frauen.

Evelyn ist aus einer gutsituierten Familie, arbeitete während des Kriegs dennoch freiwillig in einer Munitionsfabrik und nun zwei Jahre nach Kriegsende für die Pensionskasse, die Soldaten eine karge Unterstützung gewährt oder auch nicht. Ihr Bruder Ed ist aus Frankreich zurückgekehrt während ihr Geliebter Fraser gefallen ist.

Hettie ist erst neunzehn und tanzt gegen Honorar in einem Tanzpalais mit fremden Männern. Sie möchte gerne ihrem Leben entfliehen, in dem sie die Hälfte ihres Lohnes für ihre unfreundliche Mutter und den durch den Krieg veränderten Bruder hergeben muss. Sie will ausbrechen, etwas erleben, die Schwere verlieren. Als sie Evelyns Bruder kennenlernt, glaubt sie, er könne ihr ein neues Leben bieten.

Auch zwei Jahre nach Kriegsende weiß Ada nicht, wie und wo ihr Sohn Michael gestorben ist. Es gab nur eine kurze Notiz, die sie über seinen Tod informierte. Doch immer wieder sieht sie ihn irgendwo, läuft ihm hinterher, kann ihn nicht erreichen. Mit ihrem Mann kann sie darüber nicht sprechen. Eines Tages steht ein Vertreter vor ihrer Tür. Ein ehemaliger Soldat. Sie lässt ihn herein und möchte ihm aus reiner Freundlichkeit etwas abkaufen, doch plötzlich nennt er den Namen ihres Sohnes und flüchtet.

Die Handlung spielt an fünf Tagen. Fünf Tage von der Exhumierung bis zum Begräbnis. Tage, in denen die Frauen, die bislang die Kriegsereignisse so gut es ging verdrängten, noch einmal schonungslos damit konfrontiert werden.

So wie das ganze Land. Jeder hat einen Verlust zu verzeichnen. Selbst die Rückkehrer haben etwas auf dem Schlachtfeld verloren, das sie nie wieder erlangen können. Der Krieg hat eine klaffende Wunder verursacht, die einfach nicht heilen will. Die nicht heilen kann, weil es kein Heilmittel gibt. Auch das Begräbnis ist keins und birgt doch die Möglichkeit, durchzuatmen und vorwärtszugehen. Die Feierlichkeiten symbolisieren einen Neuanfang, ohne den Krieg vergessen zu machen. Auch Ada, Hettie und Evelyn verändern sich während dieser Tage und öffnen sich einer unbestimmten und doch hoffnungsvollen Zukunft. Es kann nur besser werden.

Die Perspektive wechselt sprunghaft zwischen Frankreich und den drei Frauen in London. Später werden weitere Personen in knappen Sequenzen eingebunden, die an den Feierlichkeiten um den toten Soldaten teilnehmen. Die zahlreichen Perspektiven spiegeln den Krieg und seine Folgen als kollektives Erleben.

Die Vielzahl der Erzählstränge und Ereignisse lassen den Handlungszeitraum länger als die besagten fünf Tage wirken. Er umfasst auch tatsächlich weit mehr, denn der Leser erfährt zusätzlich von Hetties, Adas und Evelyns Vergangenheit.

Anna Hope schafft es in einer klaren, prägnanten, nüchternen Sprache die Gemütsverfassung ihrer Figuren zu beschreiben. Einerseits wird sowohl deren desillusionierte Grundstimmung gezeigt als auch die großen, wahren Emotionen im Leben. Umso erstaunlicher, dass der Leser sich dennoch auf Distanz gehalten wähnt. Die Protagonistinnen bleiben seltsam fern, obwohl er so viel über sie erfährt.

Allerdings passt es zum Roman, denn die drei haben sich mit ihrem Schmerz von der Außenwelt abgekapselt. Ada kann sich nicht mit ihrem Mann über den toten Sohn austauschen. Hettie fühlt sich von ihrer Mutter drangsaliert und der Bruder brütet nur noch vor sich hin, sprechen kann sie mit beiden nicht. Auch nicht über den Tod des Vaters oder ihren Drang, frei zu sein. Evelyns Schmerz über den Verlust ihres Freundes hält sie davon ab, neue Beziehungen einzugehen. Ihre Familie wirft ihr vor, verbittert zu sein. Sie alle leben mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart. Entfremdet von ihren Familien, ihrem Leben, ihren eigenen Gefühlen. Die Sprache spiegelt das exakt wider.

Die Schicksale der drei Frauen sind miteinander verwoben. Sie ahnen es nicht und für den Leser entschlüsselt es sich erst nach und nach. Anna Hope macht geschickte Andeutungen und führt die Fäden gekonnt zusammen. In den letzten Teilen wird Evelyns Rolle stärker. Sie ist der Motor, der die Geschichte voranbringt während Hettie verblasst. Wenige Szenen lassen den Leser leicht befremdet zurück, sollen aber möglicherweise aufzeigen, dass vieles im Irrationalen verankert ist. Die Menschen befanden sich auch nach Kriegsende noch in einem Ausnahmezustand.

Es handelt sich um einen sorgfältig konstruierter Roman, was ihm auch deutlich anzumerken ist. Teilweise wirkt die Geschichte etwas steril und auch manches Klischee wird bedient. Dennoch stehen die Protagonistinnen stellvertretend für die damalige Situation der Frauen.

Die Kunst mit der Anna Hope so viel Inhalt auf so wenigen Buchseiten zu transportieren vermag, ist bewundernswert. Dabei konzentriert sie sich ganz auf das Innenleben der drei Frauen. Auch das weitere Ensemble von Beteiligten ist überschaubar. Ins Hintertreffen gerät die Beschreibung der Lebensumstände im London der Nachkriegszeit. Auch dies ist wohl der reduzierten Seitenzahl geschuldet.

Abgesang handelt von äußeren Begebenheiten und ihren Auswirkungen auf das Innenleben der Menschen. Welches Ereignis ist einschneidender für die Menschen als Krieg? Gelungen, dass Anna Hope sich dem Ersten Weltkrieg widmet und ihn so wieder ins Bewusstsein der Menschen rückt. 100 Jahre nach Kriegsbeginn eventuell auch eine geschickte Marketingstrategie. Gleichzeitig wird einmal mehr verdeutlicht, dass Krieg niemals eine Lösung sein kann und nur Verlierer hervorbringt.

Rezensionsexemplar, gelesen in einer Leserunde von Lovelybooks

4/5 Schreibmaschinen

4Writer

Anna Hope, Abgesang, Kindler, 2014.

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