[Rezension] Der Nachtzirkus

NachtzirkusLondon 1873

Zwei Zauberer schließen eine Wette ab. Sie wählen je einen Schüler und unterweisen ihn in der Kunst der Magie. Schließlich müssen sich beide in einem Wettstreit beweisen. Doch sie messen ihre Kräfte auf unbekanntem Terrain und für unbestimmte Zeit. Sie wissen nicht, was sie zum Sieger werden lässt oder welchen Preis die Niederlage fordern wird.

London 1885

Ein Geschäftsmann, erfolgreich zuhause in der Welt des Theaters, plant ein neues Projekt. Etwas nie Dagewesenes soll die Welt faszinieren. Es soll perfekt sein, die Menschen bezaubern und sie die Realität vergessen lassen. Er lädt die Personen ein, die er für die Fähigsten hält, die Aufgabe umzusetzen.

London Oktober 1886

Le Cirque des Rêves
eröffnet.

Es stellt sich die Frage, ob man den Roman als neutraler Leser rezensieren soll oder als Reveurs. Die erste Möglichkeit ist verstellt, wenn man den Zirkus betreten hat, verzaubert worden ist durch seine offensichtlichen Attraktionen voller Poesie, das miteinander verwobenen Schicksals der Akteure, die kunstvolle Komposition der Handlung und getragen wurde von einer kunstvollen Sprache, die all das zu Leben erweckt. Man riecht die Karamelläpfel, den heißen Apfelmost und die flirrende Erwartung der Zirkusbesucher.
Dann fällt es wirklich schwer, den Roman zu rezensieren. Es gibt vieles, was zu loben ist, was überwältigt, überrascht und verzaubert. Aber es ist schwer in Worte zu kleiden und lässt sich deshalb nur unzulänglich vermitteln. Man muss das Buch selbst entdecken, denn das ist es – eine Entdeckung.

Eigentlich passiert nicht viel und trotzdem ist jede Seite verschwenderisch reich gefüllt. Sie birgt unermesslich viele Ideen, kleine und große, die zu überraschen und zu verwundern wissen. Sie lassen die Geschichte zu einem einzigartigen, traumgleichen Erlebnis werden.
Es gibt nicht die alles verändernden Ereignisse oder einen ausgeprägten Spannungsbogen und dennoch kann man nicht aufhören zu lesen. Neugierig blättert man immer weiter, möchte den liebevoll ausgearbeiteten Charakteren auf ihren verschlungenen Pfaden folgen. Außer der Liebe zwischen Celia und Marco ist nichts vorhersehbar, aber ihre Verbindung ist logisch so schlüssig, dass sie unausweichlich ist. Das Ende überzeugt, da es kein typisches Happy End mit sich bringt, aber tröstlich ist.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Geist von Jonathan Strange und Mr. Norrell durch den Zirkus weht. Ob Erin Morgenstern von ihm beeinflusst wurde? Auf jeden Fall ist es ein guter Geist und nicht das Plagiatsgespenst. Es war vielmehr ganz großartig, dass der Faden aufgenommen und zu etwas ganz Neuem versponnen wurde.
Entweder man liebt den Nachtzirkus oder man kann nichts damit anfangen. Jene der letzten Kategorie empfinden ihn wahrscheinlich als langweilig, ohne große Handlung und eventuell mit zu vielen Zeitsprüngen. Sie verlassen den Zirkus möglicherweise schon verfrüht, fragen sich, was das alles soll.

Die anderen, die Reveurs, betreten den Cirque des Rêves, erforschen ihn, wollen ihn am liebsten nicht mehr verlassen, sich einen roten Schal stricken und nicht ans Morgenrot/die letzte Seite denken. Ein Teil von ihnen wird im Zirkus bleiben.

5 sagenhafte Schreibmaschinen

5Writer

Erin Morgenstern, Der Nachtzirkus, Ullstein TB 2013.

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