[Rezension] Mila 18

UrisDie Geschichte

einer Stadt

von Menschen, gefangen zwischen Mauern

ihres Hungers, ihres Leidens und ihres Mutes

ihres Kampfes

einer Minderheit gegen einen übermächtigen, zutiefst bösartigen Gegner

Die Geschichte des Warschauer Ghettos

Es ist keine Geschichte.

„Dieses Buch behandelt in romanhafter Form ein historisches Geschehen. Die meisten der darin geschilderten Ereignisse sind verbürgte Geschichte.“ Vorwort

Mila 18 ist ein Meisterwerk.

Die Ereignisse werden aus zahlreichen Perspektiven erzählt. Es sind Menschen, die Brüder, Schwestern, Mütter, Väter, Freunde, Geliebte, Verbündete und Feinde sind. Im Zentrum stehen die Ghettobewohner und hier stellvertretend Oberst Andrej Androwski, der als Jude in der polnischen Armee um Anerkennung kämpfen muss. Um ihn herum entfalten sich die Schicksale seiner Verwandten und Bekannten. Da ist die Familie seiner Schwester Deborah, der italienische Journalist und Deborahs Geliebter Christopher de Monti, Andrejs katholische Partnerin Gabriele, sein Freund und Zionist Alexander Brandel mit seiner Familie und unzählige andere Figuren. Der Leser begleitet sie auf ihrem Weg aus dem Alltag in ein höllisches Inferno. Sie schreiben Tagebücher, um ihr Schicksal dem Vergessen zu entreißen. Sie greifen zu den Waffen, um sich den Deutschen entgegenzustellen. Und obwohl es eine aussichtslose Schlacht ist, ist sie nicht sinnlos. Denn der Aufstand im Warschauer Ghetto ist ein Leuchtfeuer gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Rassenwahn und Vernichtung.

Einerseits ist es Leon Uris meisterlich gelungen, all die Fäden zusammenzuführen und zu einem kohärenten Ganzen zu verweben. Anderseits vermag er, die Geschehnisse real werden zu lassen und jede einzelne Figur wahrhaftig zum Leben zu erwecken. Die Ereignisse wirken unmittelbar. Die Ängste der Hauptfiguren, ihre Hilflosigkeit und ihre Ausweglosigkeit werden spürbar. Ihre Gefühle und Gedanken werden zu denen des Lesers. Gemeinsam treiben sie auf den unweigerlichen Untergang zu und glauben dennoch an den Kampf. Der Ausgang des Aufstands steht in den Geschichtsbüchern und trotzdem betet der Leser, er möge gelingen. Mehr als ein Ereignis, mehr als ein Gedankengang erschüttern zutiefst und die Gewissheit, dass es sie in der Realität gab, verstärkt es um ein vielfaches.

Mila 18 ist ein Roman, die Figuren und ihre Schicksale sind ebenso wie manche Abläufe fiktiv und dennoch ist es eine wahre Darstellung des Lebens und Aufstands im Warschauer Ghetto.

Leon Uris ist ein begnadeter Erzähler, der Fakten und Fiktion zu einem sowohl spannenden als auch emotionalen Roman vereint hat. Kenntnisreich und einfühlsam erfasst er die geschichtlichen Zusammenhänge ebenso wie die menschlichen Gedanken- und Gefühlswelten.

Es gab nicht nur die bekannte Anzahl von Eingangstoren ins Warschauer Ghetto. Leon Uris hat ein weiteres geschaffen. Durch dieses Tor kann der Leser treten, um Zeuge von tiefster Unmenschlichkeit und höchstem Heldenmut zu werden.

Er wird ein Zeuge sein und damit die letzte Hoffnung der Bewohner des Ghettos erfüllen.

Nachtrag:

Dieses Jahr jährt sich der Aufstand im Warschauer Ghetto zum siebzigsten Mal. Mila 18 ist eines seiner wohl eindrucksvollsten literarischen Zeugnisse. Schwer verständlich und fast schon peinlich, dass der Roman nur noch antiquarisch erhältlich ist und es anlässlich des Jahrestages keine Neuauflage gibt.

5 Schreibmaschinen

5Writer

Leon Uris, Mila 18, Heyne 1979.

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