[Rezension] Alessandro Baricco: Novecento

Novecent

Danny Boodmann T.D. Lemon Novecento wurde auf dem Luxusdampfer Virginian geboren, ein Matrose adoptierte ihn und gab ihm seinen Namen. Mit so einem Namen kann man alles werden. Novecento wurde Pianist. Er geht in seiner Musik auf, erschafft sie für einen einzigen Augenblick. Deshalb ist er nicht irgendein Pianist sondern der beste der Welt. Seine Welt jedoch ist der Ozean, seine Heimat das Schiff. Über das Leben an Land erfährt er von den Passagieren, kann aber Straßen im Detail beschreiben, die er nie gesehen hat. Einmal will er von Bord gehen, doch nach zwei Stufen kehrt er um. Und so verbringt er sein Leben auf der Virginian. Nach unzähligen Fahrten zwischen Europa und den USA und einem Kriegsdasein als Llazarettschiff soll sie schließlich abgewrackt werden.

Novecento ist als Theaterstück aufgebaut und umfasst nur wenige Seiten. Erzählt wird es vom Trompeter der Schiffsband, der zugleich der beste Freund des Ozeanpianisten ist. Er versteht Novecentos Beweggründe und Verhaltensweisen nicht immer, steht aber immer zu ihm. Die Geschichte wirkt sagenhaft, der Charakter des Novecento als sei er aus dem Raum- und Zeitgefüge gefallen. Seine Vorstellungskraft, die sich in der Musik manifestiert, scheint unbegrenzt. Die Passagiere leben zwar in einer weitaus größeren Welt, deren Grenzen nicht wahrnehmbar sind. Dafür ist jedoch ihr Geist und Können beschränkt. Die Faszination, die Novecento auf seine Mitmenschen ausübt, ergreift auch den Leser. Man versteht ihn nicht in all seinen Facetten, aber er rührt an. In dieser Hinsicht ist er mit der Musik vergleichbar.

Vor ein paar Jahren sah ich den Film Die Legende vom Ozeanpianisten und war sehr beeindruckt. Obwohl die Geschichte um eine Liebesgeschichte erweitert wurde, tat es der Faszination keinen Abbruch, die durch die sehr passende und stimmungsvolle Musik von Giorgio Moroder noch verstärkt wurde. Sowohl das Theaterstück als auch der Film wirken seltsam real und irreal zugleich. Es könnte so passiert sein, aber nein, das wäre doch zu fantastisch, oder doch nicht? Außerdem schreibt Alessandro Baricco mit großem Feingefühl für seine Figuren. Die Sprache schwankt wie ein Schiff zwischen poetisch und realistisch, strandet bei einem bewegten Leser. Unglaublich, was der Autor mit so wenigen Worten er-/schafft und dabei erzählt er nichts weniger als das ganze Leben des Protagonisten. Novecento ist wirklich einzigartig und sehr empfehlenswert.

5/5 Schreibmaschinen

5WriterAlessandro Baricco, Novecento, dtv 1999.

 

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