[Rezension] Wer weiß, was morgen mit uns ist

Werweißwas

Im Jahr 2098 ist die Erde zu einem trostlosen Planeten ohne ausreichende Ressourcen geworden. Und sie wird von einer Pandemie heimgesucht. Unzählige Menschen sterben, doch einige wenige sind offenbar immun. Auf der verzweifelten Suche nach einem sicheren Lebensraum entschließt sich die Gruppe, ins Jahr 2010 zu reisen. Dort angekommen, werden Regeln aufgestellt, die jeder von ihnen nun befolgen muss. So soll verhindert werden, dass Außenstehende von ihrer Herkunft erfahren.
Allerdings hat niemand damit gerechnet, dass ein Junge sieht, wie das Mädchen Prenna in seiner Gegenwart landet. Und noch viel weniger damit, dass die beiden sich später verlieben werden. Schließlich wollen Prenna und Ethan die Regeln nicht mehr akzeptieren und auch nicht mehr die Zukunft, die Prenna verlassen hat.

Geschildert wird die Geschichte aus Prennas Sicht. Dadurch kann sich der Leser mit ihr identifizieren und verstehen, wie stark sie von der Gruppe und ihren Regeln beeinflusst bzw. manipuliert wird. Ethan bietet Prenna den perfekten Gegenentwurf zu ihrer reglementierten Welt. Er ist einfühlsam und fröhlich, respektiert ihre Eigenarten und fordert nichts. Nachdem Prenna schon länger an den Regeln der Gruppe zweifelt, gibt Ethan ihr die Stärke, endlich zu rebellieren. Allerdings ist der Junge zu perfekt, denn er hat nicht nur einen tollen Charakter, sondern ist ebenso ein Physik- und Informatikgenie. Seine Glaubwürdigkeit als Figur ist damit dahin.
Die Struktur der Gruppe erinnert stark an eine Sekte. Sie folgt starren Regeln, überwacht ihre Mitglieder und ihre Ziele und Beweggründe sind undurchsichtig. Außer den beiden Protagonisten bleiben die anderen Figuren allerdings schemenhaft und farblos. Prennas Mutter hat ein paar Auftritte, doch ihr Verhalten wird wenig beleuchtet bzw. erklärt. Dabei hätte hier ein überaus interessanter Erzählstrang etabliert werden können.

Mindestens eine weitere Erzählperspektive wäre auf jeden Fall wünschenswert gewesen. Zum Beispiel hätte eine Person in der Zukunft von dort berichten können. Prenna erzählt einiges von ihrer Zeit, aber es wäre so viel spannender gewesen, es als Leser „direkt“ zu erleben. Allerdings wäre das wahrscheinlich der faszinierendere Erzählstrang gewesen und Prenna somit in den Hintergrund getreten.
Ohnehin wäre das unbestrittene Potenzial der Geschichte durch mehr Umfang und Ausführlichkeit besser ausgeschöpft worden. Die Funktionsweise der Gruppe, die Beziehung zwischen Prenna und ihrer Mutter und nicht zuletzt die Ereignisse des 17. Mai 2014 usw. hätten dringend mehr Raum erfordert. Das ist besonders schade in Anbetracht der freien Blätter zwischen zahlreichen Kapiteln.

Zeitreise ist ein anspruchsvolles Thema, das einige Fallstricke bietet. Von diesen bleibt Ann Brashares nicht verschont. Trotz gut durchdachter Ideen, gibt es Handlungsstränge, die nicht logisch oder nachvollziehbar sind. Schon die Ausgangssituation, dass eine Gruppe vor einer Seuche flieht und dann nicht versucht, sie verhindern, ist nicht einleuchtend. Andere Handlungsfäden scheinen bedeutungsvoller als sie letztlich sind.

Der Schreibstil ist schlicht und einfach. Das ist gut, da so das Verständnis für das Themas „Zeitreise“ und Brashares Ideen nicht zusätzlich erschwert wird.
Neben sehr schönen Sprachbildern gibt es ein paar missverständliche Satzkonstruktionen. Möglicherweise sind diese jedoch der Übersetzung geschuldet.

Es wirkt ein wenig, als wolle die Autorin ihre Leser missionieren. Die Handlung ist im Jahr 2014 angesiedelt, also im Hier und Jetzt. Prennas Herkunftszeit, also quasi dir Zukunft, wird in düstersten Farben geschildert. „Achtung, wenn Ihr nichts ändert, wird die Zukunft so werden.“ scheinen die Zeilen zu vermitteln. Zwar ist es löblich, die (jugendlichen) Leser auf Umweltfragen und zukünftige Entwicklungen aufmerksam machen zu wollen. Andererseits wirkt es hier sehr gewollt und wenig subtil. Außerdem deprimiert die sehr negative Zukunftsvision vielleicht eher als zum Handeln zu motivieren. Das Ende soll wohl positiv sein, ist aber eigentlich ernüchternd und wenig hoffnungsvoll. Darüber hinaus lässt es sich mit etwas Logik leicht demontieren.

Sehr ärgerlich ist der Umgang mit der Infektionsgefahr, die zwischen Prenna und Ethan herrschen soll. Die Übertragungswege der Pest erinnern an die von HIV. Statt Verhütung vorzuschlagen, predigt Ann Brashares Enthaltsamkeit. Eine etwas weltfremde Sicht. Zudem erklärt Ethan, er würde es in Kauf nehmen, zu sterben. Diese Äußerung ist keineswegs romantisch, sondern einfach dumm und gefährlich.

Insgesamt präsentiert Wer weiß, was morgen mit uns ist eine interessante Ausgangssituation. Zwar entwickelt sich die Geschichte spannend, weist aber manch logische Unstimmigkeit auf. Die „Auflösung“ ist in Anbetracht der Wichtigkeit, die ihr von den Figuren beigemessen wird, enttäuschend. Das Ende verärgert schließlich sogar. Der Roman hätte einfach mehr Raum gebraucht, um wirklich zu überzeugen oder gar berührend zu sein.

Gelesen habe ich den Roman als Leseexemplar im Zuge einer Leserunde bei Lovelybooks. Zu finden ist sie hier.

3 wenig begeisterte Schreibmaschinen

3WriterAnn Brashares, Wer weiß, was morgen mit uns ist, Cbj 2014.

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