[Rezension] Zeit der Gespenster

BildGespenster

Seit Ross seine Frau Aimee bei einem Autounfall verloren hat, ist er auf der Suche nach ihrem Geist. Auch einen Selbstmordversuch hat er schon hinter sich, doch sein größter Wunsch, seine Frau wiederzusehen, bleibt unerfüllt. Als er erfährt, dass die Leute mit denen er zusammenarbeitet, vorgeben, Gespenster zu sehen, um an das Geld ihrer Auftraggeber zu gelangen, quittiert er den Job und fährt zu seiner Schwester Shelby. Diese lebt mit ihrem Sohn Ethan, der an einem Gendefekt leidet, in einer Kleinstadt. Hier wird gerade der Bau eines Einkaufszentrums geplant gegen dessen Bau jedoch die Abenaki demonstrieren, da sich auf dem Gelände einer ihrer Friedhöfe befinden soll. Die Stadt wird von unerklärlichen Phänomenen heimgesucht und es scheint, als fühlten sich die Gespenster tatsächlich gestört. Und so geht Ross doch wieder auf die Suche nach ihnen, aber was er findet, geht über seine bisherige Vorstellungen weit hinaus.

Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, wobei Ross als Protagonist verstanden werden kann. Leider wirkt er wenig sympathisch. Er versinkt in Selbstmitleid, ist egoistisch und trauert angeblich seiner Ehefrau hinterher, ist aber schon nach wenigen Treffen von einer anderen begeistert. Das macht ihn leider auch zu einer recht unglaubwürdigen Figur.

Es gibt drei Teile, wobei der erste und dritte geprägt sind von häufigen Perspektivwechseln. An sich ist das kein Problem, wenn den Figuren jeweils Kapitel gewidmet sind oder sie wenigstens klar unterschieden werden können. Hier wechselt der Blickwinkel aber oftmals einfach zwischen den Absätzen. Außerdem sind die zahlreichen Namen anfangs schwierig auseinanderzuhalten. All das ist verwirrend und erfordert häufig einen Moment der Orientierung. Dadurch wird sowohl der Einstieg als auch der Lesefluss beeinträchtigt. Der zweite Block weist einen einzigen Erzähler auf und endlich entsteht etwas Spannung.

Die Geschichte der Eugenik-Bewegung in den USA ist erzählenswert und Geister als reales Phänomen vorauszusetzen, sehr spannend. Außerdem hat Jodi Picoult offensichtlich viel recherchiert und dieses Wissen geschickt in den Roman eingebaut, auch wenn sie es mit den Tabellen etwas zu gut gemeint hat. Auch wird manch psychologischer Vorgang sehr schön deutlich gemacht.

Leider machen die positiven Aspekte nicht wett, dass der Roman mit Pathos und Kitsch überlastet ist. Fraglos gibt es passende und gefühlvolle Formulierungen, aber mehrheitlich verlieren sie sich in ausschweifender Gefühlsduselei. Fans der Autorin lieben diesen Schreibstil sicher, doch für Leser, die keine Liebesromane mögen, ist er einfach schwer erträglich.

Die auf dem Friedhof umgehenden Gespenster und die Auswirkungen vergangener Ereignisse auf die Gegenwart halten die Neugier zwar wach, doch muss sie mitunter gegen schlichte Langeweile ankämpfen.

Im Anhang findet sich ein Interview mit Jodi Picoult, in dem sie den Roman für seine Wendungen rühmt. Diese Wendungen gibt es durchaus. Sie sind aber wie Puzzlestücke. Obwohl sich die Akteure am Anfang vielen Widrigkeiten gegenübergestellt sehen, werden diese durchweg und ungeachtet aller Glaubwürdigkeit aufgelöst. Das ist nicht nur ärgerlich und vorhersehbar, sondern dadurch zunehmend langweilig. Am Ende gibt es obendrein noch ein Explosionsspektakel, das eines Hollywood-Actionfilms würdig wäre aber genauso sinnfrei ist. Das Argument, es handele sich doch um eine Geistergeschichte und sei allein deshalb schon bar jeder Logik, so dass man sie ruhig missachten könne, kann nicht gelten. Der Leser akzeptiert die fantastischen Vorgaben, aber innerhalb ihrer Grenzen sollten Figuren und Plot nachvollziehbar bleiben.

Zeit der Gespenster ist darüber hinaus sehr stark von suizidalen Gedanken geprägt. Es wird nicht nur über ihn nachgedacht, er wird auch versucht und sogar ausgeführt. Ein Leser, der das nicht deprimierend findet, ist wohl eher selten. Es soll nicht zu viel verraten werden, aber der tatsächliche Freitod wird schließlich nicht einmal vorbereitet oder irgendwie hergeleitet. Das halbseidene Happy End ist leider kein ausreichend positiver Abschluss, um den Leser versöhnt ziehen zu lassen.

Der Roman kann mit einem Wagen verglichen werden. Er nimmt sehr langsam Fahrt auf, dann zieht das Tempo etwas an, verbleibt aber in einer mehr als gemächlichen Gangart bis das Gefährt trotz aller Versuche, den Motor aufheulen zu lassen, im Leerlauf ausrollt.

Insgesamt verfügt Zeit der Gespenster einerseits über einen sehr spannenden historischen Kern und interessante Plotansätze. Leider ist es jedoch andererseits ein Rührstück samt schwülstigem Sprachstil und dem erforderlichen Happy End.

Aufgrund der zahlreichen Kritikpunkte bleibt eine Bewertung von zwei Schreibmaschinen.

2Writer

 Jodi Picoult, Zeit der Gespenster, Piper, 2011.

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