[Rezension] Lexicon

Barry

Wil wird auf einer Flughafentoilette überfallen und von zwei Typen verschleppt. Kurz darauf gibt es im angeschlossenen Parkhaus drei Tote und er befindet sich mit einem der Kidnapper auf der Flucht.
Emily ist Trickbetrügerin und lebt auf der Straße. Eines Tages schafft sie es nicht, einen Mann zu betrügen so sehr sie es auch versucht. Sie ist wie fremdgesteuert. Am nächsten Tag trifft sie den Mann wieder und wenig später ist sie Schülerin an einer Akademie, deren Ziele zweifelhaft scheinen.

Wil und Emily bilden die losen Enden einer Geschichte und nur zusammen ergeben sie einen Sinn.

Lexicon hat viele Lorbeeren erhalten und spricht zweifelsohne ein sehr aktuelles und interessantes Thema an. Wie lassen sich Menschen durch Worte manipulieren, wie sehr vertrauen sie gefilterten Informationen? Nichtsdestotrotz bleibt nach dem Lesen ein „Was, das soll es gewesen sein?“ Im Grunde handelt es sich um eine einzige Verfolgungsjagd mit eingestreuten Flashbacks und Internet- und Zeitungsartikeln. Diese Artikel vertreten mitunter interessante und überlegenswerte Ansichten und werfen einen kritischen Blick auf gegenwärtige Entwicklungen. Ob sie auf die Arbeit der mysteriösen Organisation verweisen sollen, lässt sich annehmen, ist aber nicht immer ersichtlich. Vielleicht ist das sogar beabsichtigt, da das Vorgehen der Organisation gleichermaßen versteckt abläuft.
Der Roman kommt ebenso intellektuell wie actionlastig daher und fast tappt man in die Falle, es für ein komplexes Werk zu halten.

Die Sprache ist weder poetisch noch trocken, sondern bietet einfach das geeignete Vehikel, um den Leser ohne Schwierigkeiten durch die Geschichte zu tragen. Die Geschichte selbst ist teilweise rasant, zum Ende hin wird es jedoch etwas schleppend und der Schluss fällt sogar etwas klischeehaft aus.

Die Charaktere sind allesamt undurchsichtig und wenig vertrauenswürdig. Es gibt keinen ausgesprochenen Sympathieträger. Das spricht für glaubwürdige Charaktere, die eben nicht einfach nur gut oder nur böse sind. Andererseits ist es schwierig, wirklich mit den Protagonisten mitzufiebern. Emily wirkt über weite Strecken unberechenbar und leider auch ziemlich unsympathisch. Ihre Figur muss jedoch so angelegt sein, sonst könnte sie nicht die Funktion innerhalb des Romans einnehmen, die Max Barry ihr zugedacht hat. Vielleicht fasst der Leser am ehesten zu Wil Vertrauen, da er ebenso in die Geschichte hineingeworfen wird und versucht, sich darin zurechtzufinden.
Die Motive und Ambitionen der Nebenfiguren wie Yeats und Eliot genauso wie die der Organisation bleiben letztlich im Dunkeln. Warum folgen die Mitglieder allen Anweisungen ohne sie zu hinterfragen? Geben sogar ihr Privatleben auf? Welche höheren Ziele verfolgt die Gruppierung? Ist es die reine Machtgier? Macht um ihrer selbst Willen? Das wäre nicht sehr glaubwürdig.
Hier und da werden Informationen eingeworfen, die aber nicht weiterverfolgt werden und es bleibt dem Leser überlassen, was er daraus für Schlüsse über die jeweilige Figur oder Organisation zieht.

Es gibt überraschende Ideen und Wendungen, die eine Art „Aha“-Effekt auslösen. Die Wendung, die jedoch vielleicht als die größte angelegt wurde und ein echtes WOW hätte sein können, ist leider schon sehr früh vorauszuahnen.

Ähnlich wie bei den Figuren gibt es sehr viele Ereignisse und Dinge, die spannend, tiefgründig und komplex wirken, aber einfach nicht verfolgt oder erklärt werden. Anderes wird übersprungen oder bleibt gleich ganz im Dunkeln. Im Nachhinein betrachtet, ist vieles auch einfach unlogisch. Im ersten Moment fällt letzteres nicht auf, da die Hoffnung besteht, dass es im Laufe der Zeit erklärt wird. Doch das wird es leider nicht. Es gibt reichlich Szenen von Gewalt, doch hält sich ihre Beschreibung in annehmbaren Grenzen.

Insgesamt hat Max Barry einen ambitionierten Roman über die Macht der Worte und die Korrumpierbarkeit der Menschen geschrieben. Zweifelsohne vermag er zu unterhalten, auf wichtige gesellschaftskritische Themen aufmerksam zu machen und Leser zum kritischen Denken anzuregen. All das ist lobenswert.
Leider verliert sich die Geschichte zum Teil in Action und schafft es nicht, den eigenen Anspruch an Komplexität zu erfüllen. Letztlich bleibt ein Funken Enttäuschung.

Es gibt 3 Schreibmaschinen.

3Writer

Max Barry, Lexicon, Heyne Verlag, 2014.

http://maxbarry.com/lexicon/

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s