[Rezension] Vollendet – Die Rache

VollendetRahmen

Für die Freunde Connor, Lev und Risa hat sich wieder einmal alles verändert.
Lev hat Connor vom Flugzeugfriedhof gerettet und gemeinsam folgen sie einer wagen Spur, um der Prozedur der Vollendung endgültig das Garaus zu machen. Risa ist auf der Flucht, hat sie sich doch gegen die mächtige Vereinigung gestellt, die einerseits die Vollendung von aufsässigen Teenagern propagiert und andererseits Cam erschaffen hat. Cam, der erste Mensch, der vollständig aus Körperteilen anderer Jugendlicher geschaffen wurde. Aber ist er ein Mensch? Oder ist er nur eine „Sache“, die dem Proaktiven Bürgerforum gehört? Er weiß es nicht. Aber er fühlt, dass er menschlich ist, wenn er mit Risa zusammen ist. Deshalb muss er sie finden und um sie für sich zu gewinnen, muss er seine Schöpfer zerstören.
Und Starkey? Als auf dem Flugzeugfriedhof das Inferno ausbrach, konnte er sich und seine Schützlinge ebenfalls retten. Und genau wie Connor und Lev hat auch er den Ernte-Camps den Kampf angesagt. Allerdings will er sein ganz eigenes Inferno entfesseln.

Alle Beteiligten sind unterwegs und müssen den ein oder anderen geplanten oder unvorhergesehenen Stopp einlegen. Teilweise wirken die Aufenthalte als wolle der Autor noch ein paar Pirouetten drehen, bevor es zum Showdown kommt. Andererseits sind die Begebenheiten durchaus schlüssig und tragen zur Entwicklung der Geschichte bei. Sicher werden sie im weiteren Verlauf noch eine Rolle spielen.

Die Charaktere sind wie immer gut gezeichnet. Der Fokus liegt dieses Mal auf Connor und Lev. Auf ihrem Weg begegnen sie neuen Feinden, aber sie finden auch neue Verbündete. Eine von ihnen ist Grace. Sie wird von ihrer Umwelt als geistig zurückgeblieben angesehen, behält aber oftmals den Durchblick, wenn alle anderen vor lauter Wald keine Bäume sehen. Sie wird zur Weggefährtin der beiden Jungs und wächst dem Leser schnell ans Herz. Sie ist so ein bisschen der heimliche Star der Show. Während Connor und Risa sich treu bleiben und dieses Mal wenig Entwicklung zeigen, erfährt der Leser mehr über Lev und seine Zeit bevor er ein Klatscher wurde.

Cams Zerrissenheit ist abermals sehr gut nachvollziehbar. Ebenso das moralische Dilemma, das ihm zu schaffen macht, nämlich ob er wirklich als Person existiert oder nur eine Sache ist, die sich im Besitz eines Konzerns befindet. Nichtsdestotrotz ist er weiterhin nicht gerade ein Sympathieträger. Der Leser bleibt ihm gegenüber ambivalent, was eindeutig dafür spricht, dass Cam eine Persönlichkeit gegeben wurde. Als Ekel vom Dienst läuft ihm Starkey eindeutig den Rang ab. Er ist knallhart, selbstverliebt und ein wahrer Tyrann. Man liebt es, ihn zu hassen.

Was die Action und die überraschenden Wendungen angeht, so fällt Vollendet – Die Rache im Vergleich zu seinen Vorgängern leicht ab. Es gibt durchaus Überraschungen, aber sie folgen nicht so Knall auf Fall aufeinander. Nichtsdestotrotz sind sie mitunter sehr schockierend. Neal Shusterman schont seine Leserschaft wirklich nicht. Aber ob seine Einfälle nun schockieren oder nicht, es ist mehr als faszinierend, mit was er immer wieder aufwartet.

Die Vollendet-Reihe ist vielschichtig. Man kann sie auf eine eher oberflächliche Art lesen, in der es um die reinen Spannungsmomente und das Bangen um die Protagonisten geht. Auch als Charakterstudie kann sie verfolgt werden. Alle Figuren machen Erfahrungen, lernen dazu, entwickeln sich.

Darüber hinaus bieten die Bücher aber auch viel Stoff zum Nachdenken. Der Autor gibt dem Leser Knochen, auf denen er herumkauen kann. Er setzt manchen Kapiteln echte Zeitungs- und Internetartikel voran, die sich mit den Themen des Romans befassen. Dadurch erhalten die fiktiven Vorgänge einen Bezug zur Realität, der einerseits zum Gruselfaktor beiträgt aber insbesondere zeigt, dass solch eine Entwicklung nur einen Schritt entfernt sein kann.

Es gibt viele Parallelen zu unserer Gegenwart und Fragen, die heute relevant sind. Wie sehr wird das Leben von Konzernen gesteuert? Wie stark werden Angebot und Nachfrage künstlich gelenkt? Rechtfertigen der monetäre Nutzen und die Schaffung von Arbeitsplätzen unmoralisches Handeln? Im Roman sind es die Organe aufmüpfiger Teenager, die ohne Rücksicht als Handelsgut genutzt werden. In der Realität sind es beispielsweise Waffen, die in Krisengebiete geliefert werden, oder Medikamente, die ohne echte Wirkstoffe nach Afrika gehen.

Auch der dritte Teil der Vollendet-Reihe überzeugt, vor allem im Vergleich zu anderen Dystopien. Neal Shustermanbaut ein Fundament aus Politik, Geschichte und gesellschaftlichen Strömungen, auf dem sich seine Geschichte entfaltet und immer realistisch wirkt. Diese Glaubwürdigkeit schenkt er auch seinen Figuren, die er mit all ihren Fehlern und Vorzügen zeigt. Er bringt ihnen viel Empathie und psychologisches Feingefühl entgegen.

Davon ausgehend, dass es sich um eine dreiteilige Reihe handelt, ist man mit voranschreitender Seitenzahl überrascht, wie der Autor das Ganze noch auflösen will. Der letzte Satz ist schließlich enttäuschend, weil so viele Fäden noch nicht verknüpft sind. Aber diese Sorge ist ganz unbegründet, denn glücklicherweise gibt es einen weiteren Teil und man kann nur gespannt sein, wie es mit Connor, Risa, Lev, Cam und Starkey weitergeht.

Defintiv erneut ein Kandidat für 5 Schreibmaschinen.

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Neal Shusterman, Vollendet – Die Rache, Fischer Sauerländer, 2014.

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