Das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt, Rosenthaler Straße 39

Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt

Rosenthaler Straße 39

10178 Berlin

täglich geöffnet 10 – 20 Uhr

Es ist ein kalter Tag Anfang Februar. Auf der Rosenthaler-Straße folgen Autos, Fahrradfahrer und Fußgänger geschäftig ihren Wegen. Diese Ecke ist auch bei Touristen beliebt, da die Hackeschen Höfe in jedem Reiseführer ihren festen Platz haben. Ein Durchgang führt in den Hinterhof der Nummer 39. Wenig später erklimme ich die Treppe zur ehemaligen Blindenwerkstatt, in deren Räumen heute eine Ausstellung etabliert ist. Sind es noch dieselben Stufen, die ihr Inhaber Otto Weidt und seine Angestellten viele Jahrzehnte zuvor benutzt haben?

1936 eröffnet Otto Weidt eine Werkstatt für Bürsten und Besen in der Nähe seiner damaligen Wohnung. Eigentlich wollte er seinen Lebensunterhalt als Tapezierer verdienen, doch dann verliert er nach und nach sein Augenlicht und absolviert eine Ausbildung zum Bürstenmacher. Als er seine kleine Fabrik ins Leben ruft, wehen nicht nur in Berlin die Hakenkreuzfahnen. Die Massen jubeln ihrem sogenannten Führer zu und im Olympiastadion, ein paar U-Bahnstationen entfernt vom Alltag, lässt sich die Welt Sand in die Augen streuen. Otto Weidt lässt sich nichts vormachen. Er schließt sich nicht bereitwillig dem Taumel der Mehrheit an, ist er doch aktiver Pazifist und Anarchist.

Vier Jahre später verlagert er seine Firma in die erste Etage der Rosenthaler Straße 39. Vor allem blinde und gehörlose Juden sind hier beschäftigt, aber auch solche ohne körperliche Beeinträchtigungen. Doch es gibt Einschränkungen, die sie alle betreffen und die ihr Leben nicht nur beeinflussen, sondern bedrohen. Ihr Chef will die Gefahr mit ihnen durchstehen und sie tatkräftig unterstützen. Und er tut es mutig und ohne Rücksicht auf sich selbst. Er straft jene Menschen Lügen, die glauben, nichts bewirken zu können. Er, der immerhin blind ist. Aber nicht so blind, dass er Diskriminierung und Verfolgung nicht wahrnehmen könnte.

Eine Zeitlang kann er seine Arbeiter vor der Deportation schützen, unter anderem weil sein Betrieb als „wehrwichtig“ gilt oder er Funktionsträger besticht. Auch als er die Deportation von Mitarbeitern nach Theresienstadt nicht mehr verhindern kann, erhalten sie von ihm Lebensmittelpakete. Im hintersten Raum der Werkstatt, dessen Zugang hinter einem Schrank verborgen wird, versteckt er schließlich die Familie Horn. Nach neun Monaten wird sie von einem Spitzel verraten.

Dieser Raum liegt auch heute hinter einem Schrank. Aber nun ist es eine Attrappe, die die damalige Situation nur erahnen lässt. Seitlich betrete ich die Nachbildung und blicke kurz darauf in ein dunkles, beklemmendes Zimmer, das kein Tageslicht erreicht und in dem sich nichts außer einem Kachelofen befindet. Dennoch entsteht ein Gefühl, als beherberge es mehr als Leere. Fast sehe ich Menschen vor mir, die verängstigt auf diesen wenigen Quadratmetern hocken. Sie horchen darauf, was vor den Schranktüren geschieht. Ist der übliche Geräuschpegel verändert? Sind da fremde Stimmen? Sind sie feindlich gesinnt? Werden die Versteckten gleich ans Licht gezerrt werden? Es ist schwer nachfühlbar, welche Ängste sie wirklich ausgestanden haben müssen. Lange halte ich die Beklemmung nicht aus, die von dem Hinterzimmer ausgeht. Von den Wänden, die immer enger zusammenzurücken scheinen je länger man sie betrachtet. Und ein wenig fühle ich mich als würde ich einen unberechtigten Blick in eine Welt werfen, die aus alltäglicher Angst, Verlust und Tod geschaffen wurde. Einen Blick zurückwerfen auf eine Zeit, in die man sich nicht hineinversetzen kann und will und es gerade deshalb versuchen muss. Gleichzeitig existiert der Raum im Hier und Jetzt und in dieser Gegenwart gibt es schon wieder oder immernoch viel zu viel Angst, Verlust und Tod.

Der Innenhof sieht unter den Graffiti und Alltagsspuren unserer Zeit fast genauso aus wie auf einem der ausgestelten alten Fotos. Der Blick aus dem Fenster aus dem auch der damalige Fotograf geschaut haben muss, schenkt mehr Ein- als Aussichten. Wie muss es für Otto Weidt und seine Mitarbeiter gewesen sein, jederzeit damit zu rechnen, dass die Gestapo auftaucht? Deren schwere Schritte im Treppenhaus zu hören? Und muss es nicht noch viel bedrückender für blinde Menschen gewesen sein?

Obwohl alle Ausstellungsstücke sehr eindrucksvoll und aussagekräftig sind, ist es ein weiteres Foto, dass mich besonders berührt. Die Belegschaft der Blindenwerkstatt hat sich darauf versammelt. Vier sitzen auf dem Boden, dahinter haben Mitarbeiter auf Stühlen Platz genommen und jene, die die Reihen dahinter bilden, stehen wahrscheinlich auf Tischen und Stühlen. Manche lächeln in die Kamera, andere schauen weg, ahnen vielleicht nicht in welcher Richtung, die Kamera steht oder wollen nicht so gerne fotografiert werden. Einige wirken belustigt. Viele schauen ernst. Die meisten von ihnen sind ermordet worden. Ihre Welt ist Schwarzweiß und in einer fernen Vergangenheit. Hinter denen, die die letzte Reihe bilden, ist eine Wand zu sehen. Die Wand hat Vorsprünge und ihren eigenen Charakter. Ich sehe mich im Ausstellungsraum um und erkenne sie wieder. Die Welt der Blindenwerkstatt ist nicht mehr weit weg, sondern sehr nah. Ihre Welt ist meine Welt und meine ist die ihre. Uns trennt lediglich die Zeit. Eine kurze Zeitspanne, wenn man historische Maßstäben ansetzt. Es ist nur ein Zufall, dass sie damals hier waren und ich es heute bin.

Die Ausstellung in den Räumen der ehemaligen Bürsten- und Besenfirma von Otto Weidt ist definitiv einen Besuch wert. Es ist um vieles eindringlicher, wenn man die authentischen Schauplätze betreten kann und nicht „nur“ durch ein Museum mit Ausstellungsobjekten geht. Es erweckt die Geschichte nicht zum Leben, macht die Erinnerung aber lebendig. Das Geschehen wird realer. Man spürt die Verbindung zu den Menschen und ihrem Leben und ihre Relevanz für die Gegenwart. Welch ein Glück, dass es solche Orte noch gibt und sie nicht Baumaßnahmen zum Opfer fielen.

Quellen:

http://www.museum-blindenwerkstatt.de/de/ausstellung/geschichte/

www.daserste.de/unterhaltung/film/ein-blinder-held-die-liebe-des-otto-weidt/specials/blindenwerkstatt-otto-weidt-102.html

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