[Rezension] Die Verlassenen

Verlassenen

Es war ein Tag wie jeder andere. Die Menschen gingen ihren üblichen Beschäftigungen nach. Dann geschah etwas vollkommen unerwartetes, geradezu unglaubliches. Es betraf nicht nur einzelne Menschen oder Gruppen, sondern Städte, Länder, Kontinente. Später nannte man es „Die Entrückung“. So wie in der Bibel. Denn so wie es dort beschrieben wird, ist es geschehen. Millionen von Menschen sind von einer Sekunden zur nächsten verschwunden. Haben sich in Nichts aufgelöst. Ihre Familien, Freunde, Bekannten zurückgelassen. Sie sind die Verlassenen.

Der Roman setzt an einer scheinbar willkürlichen Stelle, Jahre nach dem grundlegenden Ereignis, ein. Der erste Schock ist verklungen. Es gibt kaum Hoffnung, dass die Verschwundenen noch zurückkehren könnten. Die Nachrichten berichten über aktuellere Ereignisse. Die Betroffenen versuchen, ihr Leben weiterzuführen und auf ihre Weise mit dem Verlust umzugehen.

Der Titel macht deutlich, dass das kollektive, rätselhafte Verschwinden lediglich den Hintergrund des Romans liefert. Deshalb braucht weder der Verfasser noch der Leser über dessen Ursache oder die Hintergründe zu spekulieren. „Es ist eben so, kommt damit klar.“ scheint der Autor den Lesern wie auch seinen Figuren zuzurufen.

Wie unterschiedlich die Figuren mit der Entrückung umgehen, wird anhand von Familie Garvey und ihrem Umfeld in einer US-amerikanischen Kleinstadt gezeigt. Kevin ist Bürgermeister und lebt inzwischen allein mit seiner Tochter Jill und ihrer Freundin Aimee. Er versucht, zur Normalität zurückzukehren. Geht seiner Arbeit nach, danach zu einem Absacker in seine Stammkneipe und am Wochenende treibt er Sport mit seinen Kumpeln. Doch da ist diese Leere, die er nicht verleugnen kann. Seine Frau Laurie hat sich einer obskuren Sekte angeschlossen. Die Mitglieder des sogenannten „Schuldige Rests“ haben sich von ihrem bisherigen Leben losgesagt. Sie schweigen, rauchen und erinnern daran, dass die Entrückung nur der Vorbote für das vermeintlich nahe Ende der Welt war. Tochter Jill schwänzt die Schule und flüchtet sich in oberflächliche Partys, während ihr Bruder Tom sich einem selbsternannten Heilsbringer angeschlossen hat.

Der Leser begleitet die Charaktere also eine Weile auf ihrem Lebensweg. Dabei stiehlt keine der andere die Show. Sie sind unterschiedlich, existieren aber gleichberechtigt nebeneinander. Dementsprechend wechselt die Erzählperspektive mit dem jeweiligen Hauptakteur. Zwar sind diese mal mehr, mal weniger sympathisch, aber interessant sind sie allemal. Außerdem wirken sie ebenso glaubwürdig wie der Roman in seinen Parametern stimmig ist. Warum soll sich Laurie nicht einer Gruppe anschließen, die verhindern will, dass die Menschen vergessen und zur Normalität zurückkehren? Allerdings mag das Ende nicht völlig zu diesem Schema passen, da es einfach zu positiv wirkt. Als wolle der Autor bei allem Realismus und dem in der Natur der Sache liegenden pessimistischen Grundton unbedingt ein Licht am Ende des Tunnels anknipsen. Einerseits ist es verständlich, dass er den Leser nicht in eine Depression entlassen möchte. Andererseits wirkt es etwas aufgesetzt.

Die Verlassenen kann als eine Studie über den unterschiedlichen Umgang mit Verlust und Trauer verstanden werden. Es gibt keinen offensichtlichen Plot, kein Ziel auf das alles zusteuert. Umso überraschender ist der Sog, den der Roman entwickelt. Die Geschichte entfaltet sich scheinbar beiläufig und subtil.
Alles andere als hintergründig sind allerdings die sexuellen Erläuterungen. Ihre Sinnhaftigkeit mag generell infrage gestellt werden, wenn es sich nicht gerade um einen Erotikroman handelt. In diesem Fall leuchtet insbesondere ihre sehr detaillierte Beschreibung wenig ein. Aber irgendwas wird der Autor sich wohl dabei gedacht haben. Ansonsten plätschert die Sprache unauffällig dahin. Sie bleibt trotz emotionaler Thematik und dramatischer Ereignissen immer nüchtern und mitunter analytisch. Doch gerade dadurch wirkt manche Szene umso stärker.

Die Verlassenen ist ein durchdachter, gutgeschriebener Roman. Einer, der die Menschen, ihr Denken und Fühlen ernst nimmt. Leider wirkt er streckenweise zu ereignislos und wartet schließlich mit einer zu gewollten Version eines „Happy Ends“ auf.

3 Schreibmaschinen

3Writer

Vielen Dank an den Verlag, der den Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Tom Perrotta, Die Verlassenen, Heyne Verlag 2014.

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