[Rezension] Die Tänzerin von Auschwitz

Tänzerin

Paul Glaser besucht mit seiner Frau und einigen Kollegen Krakau. Am dritten Tag wollen sie gemeinsam das ehemalige KZ Auschwitz besichtigen. Doch plötzlich spürt er eine Beklemmung, möchte eigentlich nicht mehr mitgehen. Seine Frau und die Freunde überreden ihn und schließlich steht er vor einem Schaukasten mit unendlich vielen Koffern. Da fällt sein Blick auf einen weit vorne liegenden, der den Namen „Glaser“ trägt.

Paul Glaser ist in einer katholischen Familie aufgewachsen, die wenig Kontakt zu den Verwandten väterlicherseits hat. Nach seinem Erlebnis in Auschwitz begibt er sich auf die Spuren seiner Vorfahren und findet schließlich jüdischen Wurzeln sowie die tragische Lebensgeschichte seiner Tante Roosje.

Roosje und ihr Bruder John, Pauls Vater, wuchsen ohne starke Bindung an die jüdische Religion auf. Sie war eine junge, lebenslustige Frau, die als Tanzlehrerin eine eigene Schule betrieb, als die Nationalsozialisten in den Niederlanden einfielen. Und sie beschloss, einfach mit ihrem Leben fortzufahren, sich nicht an die strikten und sinnlosen Vorschriften für Juden zu halten, die von den Deutschen erlassen wurden. Doch schnell musste sie feststellen, dass viele Niederländer nur allzu bereit waren, die Gesetze für sich zu nutzen. Mehrfach wurde sie aus Rache oder Geldgier verraten. Sie musste sich in verschiedenen Lagern durchschlagen und schließlich in Auschwitz ums Überleben kämpfen. Dennoch verlor sie nie den Lebensmut, den Glauben an sich selbst und eine Zukunft.

Das Buch springt zwischen zwei Erzählsträngen und Perspektiven. Zum einen berichtet Paul Glaser über seine Spurensuche. Darüber wie seine Familie darauf reagiert, wie er Informationen über seine Tante erhält und wie er selbst mit den neugewonnenen Erkenntnissen umgeht. Immerhin dachte er bisher, seine Familie sei katholisch und nun wird ihm klar, dass sie unmittelbar vom Holocaust betroffen ist. Außerdem erkennt er, dass die Niederlande im Gegensatz zur offiziellen Version, nicht nur die überrannten und unterdrückten Opfer der Nationalsozialisten waren. Vielmehr haben die Menschen vielfach ihren Nutzen aus den neuen Verhältnissen gezogen und waren auch nach dem Krieg keineswegs daran interessiert, den Überlebenden ihr Hab und Gut wiederzugeben. Besonders hier findet sich die Stärke des Buches. Es ist spannend, welche Auswirkungen die Geschichte noch viele Jahrzehnte später hat. Wie sie immer noch Menschen und ihre Familien beeinflusst. Wie sein Vater und seine Tante Roosje zwar überlebt haben, sich aber nicht verstehen und keinen Kontakt mehr miteinander haben.

Im zweiten Erzählstrang berichtet Roosje über ihr Leben. Hier lernt der Leser eine unabhängige, optimistische Frau kennen, die ihren Willen durchzusetzen weiß. Seine Tante selbst berichten zu lassen, ist einerseits naheliegend, da sie ihre Memoiren aufgezeichnet hat und der Autor somit Quellen aus erster Hand nutzen konnte. Allerdings hält er den Stil nicht stringent durch. So lässt er sie Inhalte von Briefen hochrangiger Nazis zitieren, die sie zumindest zum Zeitpunkt ihrer Erwähnung nicht gekannt haben kann.

Andererseits schafft der Autor es bedauerlicherweise nicht gänzlich, dem Charakter seiner Tante und ihrem Leben gerecht zu werden und Tiefe zu verleihen. Umso mehr erwartet der Leser dies aber, wenn aus Roosjes Perspektive erzählt wird.

Die Welt besteht aus ambivalenten Charakteren, die Sympathie oder Antipathie wecken. Das trifft auch auf Menschen zu, die den Holocaust überlebt haben. Selbstverständlich steht es niemandem zu, ein Urteil darüber zu fällen, wie jemand Verfolgung und Todesgefahr gegenübertritt. Schon gar nicht, wenn er das in Auschwitz tun musste. Bestimmt war Roosjes Charakter mitverantwortlich, dass sie diese Zeit überstehen konnte. Und um zu überleben, mussten sicher Dinge getan werden, die im Nachhinein befremdlich wirken können. Wie gesagt, die damaligen Umstände folgten ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und ein Urteil steht niemandem zu. Aber es ist die Aufgabe eines Autors, seinen Lesern den Charakter seiner Figuren, ihre Beweggründe und Handlungsweisen zu erklären. Leider schafft Paul Glaser dies nicht immer. So ist es eben irritierend, wenn Roosje beispielsweise den deutschen Bewachern in den Lagern offenkundig vorurteilsfrei begegnet. Mit ihnen umgeht und sogar flirtet, als wären nicht genau diese Menschen für Tod und Elend in den Lagern verantwortlich. Teilweise lässt es sich vielleicht mit Roosjes Aufenthalt in Klewe erklären, teilweise geschah es sicherlich aus Berechnung, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Aber dass es mit so wenig Skrupel und Selbstzweifeln stattgefunden hat, mutet genauso unwahrscheinlich an wie der Umstand, dass Roosjes Psyche durch die Erlebnisse in Auschwitz relativ wenig Schaden genommen haben soll. Deshalb muss es Paul Glaser zugeschrieben, wenn er es nicht schafft, dies alles zu erklären oder zumindest nachvollziehbar zu machen. Verhaltensweisen und Entscheidungen werden verkürzt und etwas banal dargestellt und wirken dadurch selbst oberflächlich. Sie ist unbestritten eine starke Persönlichkeit, aber dass sie ihre Erlebnisse vielleicht doch nicht so auf die leichte Schulter genommen hat, lassen höchstens kurze Passagen erahnen.

Den Eindruck einer verkürzten, etwas oberflächlichen Darstellung wird durch die doch geringe Seitenzahl und den Sprachstil gestützt. Letzterer führt zu einem flotten Lesetempo und einer lebendigen Vorstellung der Personen und Geschehnisse. Andererseits wirkt die Sprache zu simpel für die komplexen äußeren als auch psychischen Abläufe, die berichtet werden.

Die Tänzerin von Auschwitz ist ein interessantes und vor allem wichtiges Buch. Es zeigt, dass sich die damaligen Geschehnisse auch nach Jahrzehnten noch auf die Beteiligten und nachfolgende Generationen auswirken. Es ist wichtig, Roosjes Schicksal und ihrer unerschütterlichen Frohnatur, die vielleicht manchmal befremdlich ist, aber dennoch Respekt abverlangt, ein Denkmal zu setzen. Aus diesem Grund erhält das Buch einen Stern mehr als es wahrscheinlich sonst bekommen hätte.

4/5 Schreibmaschinen

4Writer

Paul Glaser, Die Tänzerin von Auschwitz, Aufbau Verlag, 2015.

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6 Gedanken zu „[Rezension] Die Tänzerin von Auschwitz

  1. cutybook

    Hahahaaaa jetzt sehe ich den zusammenhang erst 😀 Oh Gott, sorry!!! Es ging um das Buch und nicht um meinen Blog 😀 Ich schäme mich in Grund und Boden! Hatte das piepen meiner Kasse auf Arbeit noch in den Ohren, sorry sorry sorry.

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