[Rezension] Das Skorpionenhaus

Matt lebt zusammen mit seiner Ziehmutter Celia isoliert in einem kleinen Haus zwischen Mohnfeldern. Tagsüber lässt sie ihn allein, um im Herrenhaus zu arbeiten und verbietet ihm, das Haus zu verlassen. Von weitem sieht er den Arbeitern dabei zu wie sie die Mohnsamen ernten oder er schaut Fernsehen. Er weiß nicht, warum er nicht hinaus darf oder wo seine Eltern sind. Eines Tages wird das Häuschen entdeckt und Ereignisse in Gang gesetzt, die sein Leben vollkommen umkrempeln. Er wird auf die prunkvolle Ranch von El Patrón, dem Besitzer all der Mohnfelder, gebracht. Er ist das Oberhaupt der Familie Alacrán und der mächtigste Drogenbaron des Landes Opium. Außerdem ist er sehr alt und sehr gebrechlich. Und er hat ihn als seine Kopie erschaffen lassen. Das heißt, dass Matt ein Klon ist und schnell lernt er, wie sehr Klone verabscheut werden. Aber auch wie die Ranch und die Familie Alacrán funktionieren. Dass die Migits Menschen und Tiere sind, die durch Implantate zu willenlosen Maschinen gemacht werden. Und dass er nur wenigen trauen kann. Als El Patrón trotz aller Gegenmaßnahmen stirbt, ändert sich Matts Leben noch einmal auf dramatische Weise. Nicht nur seine Zukunft und die seiner Lieben hängt nun ganz allein von ihm ab.

Der Schauplatz liegt in der Zukunft und umfasst das Grenzgebiet von Mexiko und den USA. Dies ist eine sehr interessante und für eine Dystopie ungewöhnliche Wahl. Es gibt zwei Handlungsstränge und zwar das Leben auf El Patróns Ranch und Matts Erlebnissen im angrenzenden Staat Aztlán. Obwohl der zweite Handlungsstrang etwas weniger überzeugt, schreitet die gesamte Handlung stetig voran und wartet mit allerhand unvorhersehbaren Entwicklungen auf. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Protagonisten, so dass sein Kenntnisstand und der des Lesers identisch sind. Manchmal kann der sich Zusammenhänge schneller als Matt erschließen, doch dieser ist auch sehr abgeschieden aufgewachsen und daher ein wenig naiv in manchen Dingen. Da die übrigen Figuren folglich ebenfalls durch Matts Augen wahrgenommen werden, bleiben sie für den Leser ein wenig auf Distanz. Dieser teilt Matts Sympathien oder Antipathien zu ihnen. Gemeinsam mit der Hauptfigur erkundet er die Umgebung und versucht sich einen Reim auf die Ereignisse zu machen.

Nancy Farmers Sprachstil ist leichtverständlich, aber nichtsdestotrotz sehr reich und prägnant. Aktuelle Probleme wie der Flüchtlingsstrom oder der Drogenhandel werden ebenso aufgegriffen wie ethische Fragen. Diese betreffen den Umgang mit Macht, geklonte Menschen, die Schaffung von Sklaven, das Ausschöpfen medizinischer Möglichkeiten, das Wesen von Familie und Freundschaft. Die Autorin schafft es auf raffinierte Weise, all dies mit einer spannenden und trotz aller futuristischer Ideen glaubwürdigen Handlung zu verknüpfen.

Das Skorpionenhaus ist nicht nur für Jugendliche ein wirklich ungewöhnlicher und fesselnder Roman. Er beleuchtet viele Bereiche des menschlichen Tuns und hinterfragt sie kritisch, vernachlässigt aber niemals die Spannung. Es handelt sich nicht um eine 08/15-Dystopie, die mit den immer gleichen Zutaten aufwartet. Vielmehr bietet Das Skorpionenhaus eine neue Variante, die zu überraschen weiß.

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Nancy Farmer, Das Skorpionenhaus, Fischer Taschenbuch 2005.

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