[Rezension] Im Hause Longbourn hätte man ein bisschen mehr erwartet

Longbourn

Die Köchin Mrs. Hill und ihr Ehemann sowie die beiden Hausmädchen Sarah und Polly kümmern sich tagein tagaus um den Haushalt in Longbourn. Hier residiert das Ehepaar Bennet mit ihren fünf Töchtern, die sie hoffen, gut verheiraten zu können. Die Aussichten verbessern sich ungemein als ein junger Gentleman namens Bingley das nahe Anwesen Netherfield bezieht und ein Auge auf Jane, die älteste der Schwestern, wirft. Derweil hat Mr. Collins seinen Besuch angekündigt. Da es dem Hausherrn an einem männlichen Nachfolger mangelt, könnte der entfernte Verwandte einmal sein Erbe werden. Deshalb gilt es auch für die Dienerschaft, einen vorteilhaften Eindruck zu machen, damit er sie im Falle von Mr. Bennets Ableben übernimmt.
Hausmädchen Sarah hat inzwischen noch andere Probleme. Sie hat das Gefühl, in einer Endlosschleife alltäglicher Plackerei gefangen zu sein. Hat ihr das Leben wirklich nicht mehr zu bieten als raue Hände und müde Beine? Schneller als sie sich versieht, scheint der Gegenbeweis in Gestalt zweier Männer erbracht zu werden. Der elegante Diener Ptolemey im Gefolge von Mr. Bingley und der geheimnisvolle James Smith wirbeln ihre Gedanken und ihr Leben im Hause Longbourne gehörig durcheinander.

Jane Austens Roman Stolz und Vorurteil dient Jo Baker als Rahmen, in den sie ihre Geschichte und Figuren hineinwebt. Sie stellt diejenigen ins Scheinwerferlicht, die bei Austen als Diener und Erfüllungsgehilfen im Schatten agieren. Die Erzählperspektive wechselt, Protagonistin ist aber Sarah.

Einerseits kann sich die Autorin an den vorgegebenen Strukturen orientieren. Es gibt einen Grundstock an Figuren mit vorgegebenen Stärken und Schwächen. Das Fundament ist solide und bietet beste Voraussetzungen für einen interessanten Dialog zwischen den Werken.
Andererseits ist der Rückgriff auf den beliebten Klassiker selbstverständlich ein geschickter Marketingschachzug. Es wird mit den Erwartungen einer Leserschaft gespielt, die das Original liebt und den Bezug darauf als Kaufargument versteht. Es wird auf eine ergänzende Sicht auf die Ereignisse und Figuren aus S & V gehofft. Auch Vorschusslorbeeren werden verteilt, denn Jane Austen verspricht hochwertige Unterhaltung.

Das Versprechen wird bedingt eingelöst, denn die Ereignisse aus S & V, Elisabeth und Darcy sowie Jane und Bingley treten nur selten in Erscheinung. Die Paare haben auch nicht das Charisma ihrer literarischen Vorbilder. Es kann argumentiert werden, dass Sarah sie eben nicht so wahrnimmt. Dass sie mit anderen Dingen beschäftigt ist. Nichtsdestotrotz erhofft sich ein Fan wenigstens eine Ahnung der liebgewonnen Figuren.
Darüber hinaus kann es lohnenswert und spannend sein, literarische Vorbilder zu nutzen und ihnen neue Geschichten zu schenken. Doch ihnen unpassende Charakterzüge und Handlungen zuzuschreiben, ist eine andere Sache. So irritiert doch manches, was dem armen Mr. Bennet unterstellt wird.

Jo Bakers eigene Figuren sind zwar lebendig aber auch stereotyp geraten. Das Hausmädchen, das mehr vom Leben will als Socken zu stopfen, ein junges, naives Dienstmädchen ohne Durchblick, die Köchin mit klischeehafter Vergangenheit, ein geheimnisvoller Fremder, der Schreckliches hinter sich hat aber herzensgut ist. Die Beziehungen untereinander sind auch nicht immer nachvollziehbar. Im einen Moment sind Sarahs und James‘ Gefühle so und im nächsten vollkommen entgegengesetzt. Der Weg dahin wird kaum sichtbar. Im Übrigen erinnert Sarahs anfängliche Einstellung zu James und Ptolemey wenig subtil an das literarische Vorbild. Der Diener wird außerdem als wichtige Figur eingeführt, aber letztlich zum offensichtlichen Funktionsträger degradiert.

Der Plot zeugt von der Mühe, die investiert wurde. Er ist unterhaltend, sorgsam und mit Liebe zum Detail ausgearbeitet. Nicht nur der Hinweis auf den Sklavenhandel soll offenbar für die nötige Realitätsnähe sorgen, wirkt aber wie andere ein wenig gewollt.
Auch für Leser, die den Vorgänger nicht kennen, soll Im Hause Longbourn funktionieren. Ob es so ist, können nur sie beurteilen. Allerdings ist die Geschichte ansich nicht allzu originär und stark, die Wendungen nicht überraschend. Gerade zum Ende hin, wenn es eigentlich rasanter werden sollte, gibt es Längen. Die ruhige Erzählweise kann als Orientierung am Original interpretiert werden. Nichtsdestotrotz wäre ein Funken mehr Kreativität und Tempo wünschenswert gewesen.

Die Stärken des Romans finden sich vor allem in der sprachlichen Umsetzung. Das Anwesen Longbourn, wo die höhergestellte Familie und die Dienerschaft nebeneinander aber nicht miteinander leben, die Umgebung, die Wetterverhältnisse. All das wird sehr anschaulich und routiniert zum Leben erweckt, auch wenn es außer dem Brachvogel wenig andere Vögel zu geben scheint. Im Vergleich zum literarischen Vorbild fehlt jedoch der leichte Strich. Vielleicht würde die Autorin argumentieren, dass der Stil dem ernsten Leben der Dienstboten entspricht. Und wahrscheinlich ist es unfair, sie mit einem literarischen Genie wie Jane Austen vergleichen zu wollen. Allerdings setzt sie sich durch die Wahl ihres literarischen Wegweisers dem einfach aus.

Trotz aller Kritik bleibt festzuhalten, dass Im Hause Longbourn auf jeden Fall kurzweilige Unterhaltung bietet. Der Plot ist nicht überaus überraschend, aber solide gestrickt. Die Figuren werden dem Leser nahegebracht. Die historischen Gegebenheit glaubwürdig dargestellt.
Der Bezug zu Stolz und Vorurteil schenkt dem Roman eine zusätzliche Ebene und ganz klar einen Bonus. Austen-Enthusiasten können den liebgewonnenen Geschichte, den Charakteren und dem Schauplatz wiederbegegnen und alles aus einem neuen Blickwinkel sehen. Andererseits können gerade sie eine leichte Enttäuschung erleben, da der Mehrwert fehlt.

 3/5 Schreibmaschinen

3WriterJo Baker, Im Hause Longborn, Knaus 2015.

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