[Rezension] Zerbrochener Mond

ZerbrochenerMond

Standish Treadwell ist nicht wie die anderen Jungs. Seine Augen haben unterschiedliche Farben. Außerdem kann er nicht lesen und schreiben, obwohl er schon fünfzehn ist. Die anderen halten ihn für dumm. Aber dumm ist er nicht. Er kann die Wörter nicht entziffern, aber verstehen umso besser. Und im Gegensatz zu den anderen weiß er, was richtig und falsch ist. Es kann nicht richtig sein, dass die Bevölkerung hungert und sich gegenseitig misstraut. Es kann nicht richtig sein, dass sie in rein und unrein eingeteilt wird. Und es ist mit Sicherheit falsch, das viele nur weil sie angeblich anders sind, geschlagen werden oder plötzlich weg sind, womit eigentlich töten gemeint ist.

Standish lebt in einer Diktatur. Willkür und Gnadenlosigkeit herrschen unerbittlich. Konformität und totale Unterwerfung sind das höchste Ziel. Verweigerer werden bekämpft. Die Eltern des Jungen sind fort und nun schlagen sich Großvater und Enkel mehr schlecht als recht allein in Zone 7 durch. Lebensmittel sind knapp, alltägliche Dinge werden so oft verwendet wie möglich. Sie versuchen, nicht aufzufallen, den Zorn des Regimes nicht auf sich zu ziehen. Eines Tages zieht eine Familie in die Nachbarwohnung. Obwohl Standishs Großvater sie für Spione hält, begrüßen sie die Fremden. Die Lushs und ihr Sohn Hector werden zu besten Freunden. Bis auch sie spurlos verschwinden. Und Standish einfach nicht mehr bereit ist, alles hinzunehmen.

Die beschriebene Welt zeigt einen alternativen Geschichtsverlauf. Die Diktatur, ihre Grundsätze und Funktionsweise deuten auf den Nationalsozialismus. Es ist das Jahr 1956 und das sogenannte Mutterland liegt mit anderen Nationen immer noch im Krieg.

Zerbrochener Mond wartet mit einem ganz besonderen Protagonisten auf. Schon durch sein Äußeres und seine Lese- und Schreibschwäche hat er keine Chance, dazuzugehören. Aber das will er auch gar nicht, denn im Gegensatz zu seinen Mitschülern hat er sich seine Fantasie und Menschlichkeit bewahrt. Er erkennt die Defizite seiner Umgebung und Mitmenschen mit klarem Blick. Seine Fantasie beflügelt ihn und stärkt die Hoffnung auf eine bessere Welt. Trotz der rigiden Umstände und eigenen Zweifeln glaubt er im tiefsten Inneren an die eigene Stärke. Der Leser kann nicht anders als ihn ins Herz zu schließen. Und er wünscht sich, er könnte es ihm gleichtun und selbst an ein Happy-End glauben. Die starke Verbindung zur Hauptfigur führt dazu, dass die Geschehnisse noch eindrücklicher wahrgenommen werden.

In einer ganz eigenen, sperrigen Ausdrucksweise erzählt Standish seine Geschichte. Dabei entstehen eigenwillige, poetische Satzkreationen voller elementarer Wahrheiten. Überhaupt gibt es zahlreiche Denkanstöße. Ist ein Leben in Unterdrückung erstrebenswert, weil sie zweifelhafte Sicherheit gewährt? Was kann ein Einzelner gegen einen übermächtigen Gegner ausrichten? Soll er anderen helfen, auch wenn er dabei ins Fadenkreuz gerät? Soll er Widerstand leisten, auch wenn die Erfolgschancen gering scheinen?

Gut, es gibt auch weniger gelungene Ideen. Am Ende greift die Autorin auf den ein oder anderen nicht ganz schlüssigen Einfall bzw. Zufall zurück. Und auch das Ende selbst ist ein bisschen zuckrig. Allerdings wird das bedeutungslos in Anbetracht der positiven Aspekte.

Sally Gardner ist ein außergewöhnlicher Jugendroman gelungen, der auch für Erwachsenen äußerst lesenswert ist. In sehr kurzen Kapiteln erzählt sie eine eindrucksvolle und berührende Geschichte von Unterdrückung und Auflehnung. Feigheit und Mut. Hass und Liebe. Und vom Abschiednehmen und Anfangen. Am Ende ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Tränen fließen werden.

4/5 Schreibmaschinen

4WriterSally Gardner, Zerbrochener Mond, Carlsen 2014.

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