[Rezension] Red Rising

RedRising

Tief unter der Marsoberfläche leben Darrow, seine Familie und alle anderen, die zu den Roten zählen. Dort schuften sie tagtäglich unter härtesten Bedingungen in den Mienen. Ihre Arbeit soll die Umwandlung des unwirtlichen Planeten in Lebensraum ermöglichen. Dann wird der Mars besiedelt werden und die Roten endlich ein besseres Leben führen dürfen. Doch durch schreckliche Ereignisse muss Darrow erkennen. dass der Mars längst bewohnt wird. Das die Goldenen prunkvolle Städte regieren und ihr Wohlstand auf der Ausbeutung der Roten beruht. Doch es gibt Menschen, die sich dagegen auflehnen und die ihm helfen, zu einem Goldenen zu werden. Sie schicken ihn in die Kaderschmiede der Unterdrücker, wo er das System von innen bekämpfen soll.

In seinem Nachwort dankt Pierce Brown seinen Lesern und verspricht: „Sie werden diese drecksverdammten Bücher einfach lieben.“ Einerseits hat der Autor absolut Grund dazu, seinen Lesern zu danken, denn sie müssen über viel Durchhaltevermögen verfügen. Andererseits hält er sein Versprechen definitiv nicht ein. Sein Werk langweilt nicht nur inhaltlich bevor dessen Mitte erreicht ist, sondern stößt den Leser auch noch vor den Kopf. Im Übrigen deutet das Wörtchen „drecksverdammt“ die Richtung an, in die der Autor mit seinem Sprachstil marschiert.

Red Rising zeugt von Engagement und dem unbedingten Willen, ein anspruchsvolles und komplexes Werk zu schaffen. Pierce Brown hat ein Gesellschaftssystem entwickelt, das die Bevölkerung in bestimmte Farben einteilt und diesen Aufgaben zuordnet. Schlicht gesagt, sind die Goldenen die Bosse, die Pinken fürs Vergnügen da, die Roten die Sklaven usw. Es muss wohl nicht extra betont werden, dass es auch noch innerhalb dieser Gruppen Unterteilungen gibt. Damit hat es sich aber keineswegs. Später ist noch von Häusern die Rede und jedes davon hat einen Primus und die Eliteschüler werden in Erstgewählte, Zweit- und Drittgewählte eingeteilt. Wie das alles zusammenpasst, ist irgendwann im besten Fall verwirrend und im schlechtesten nicht mehr nachzuvollziehen. Vielleicht möchte es der Leser auch gar nicht mehr. Achja, für den intellektuellen Anstrich müssen die alten Römer herhalten. Dafür braucht Brown selbst keine geistige Höchstleistung zu erbringen, denn mit dem Schauplatz Mars liegt das ja irgendwie nahe. Die Namenskreationen wirken vielleicht intellektuell, erschweren aber ebenfalls den Durchblick. All das bewirkt, dass die beschriebene Welt und die darin spielende Geschichte seltsam fremd, störrisch und unwirtlich bleiben.

Pierce Browns Sprachstil ist bildhaft und schon am Anfang gibt es emotionale Passagen. Darrow hat einen ambivalenten Charakter. Bei der Arbeit zeigt er eine überhebliche Attitüde. Kurz darauf wird er als liebender Ehemann etabliert. Seine Gefühlswelt und sein Schmerz werden nachvollziehbar. Die Unterdrückung der Roten wird mehr als deutlich. Darrow selbst erzählt und kommentiert die Geschehnisse. Ein gutes Fundament für eine enge Bindung zwischen Leser und Protagonist, die wie ein Pflänzchen tatsächlich zu wachsen beginnt. Doch bevor sie richtig etabliert ist, schnürt der Autor die Armeestiefel. Er zertrampelt die Pflanze spätestens dann rücksichtslos, wenn Darrow im Institut ist, die anderen Schüler kennenlernt und das Auswahlverfahren beginnt. Von nun an orientiert sich der Plot an dem Gesellschaftsspiel „Risiko“ oder auch „Die Tribute von Panem“. Die Schüler müssen sich über weite Teile in einer Art Live-Rollenspiel gegenseitig fertigmachen. Statt einer Charakterentwicklung tritt nun die plakative Darstellung von Gewalt in den Vordergrund. Das wirkt auf den Leser in etwa so, als würde die Pflanze nicht nur zertreten, sondern auch noch mit Gift eingesprüht.

Die Sprache bleibt bildhaft, was sich nun aber negativ auswirkt. Zwar wird die Gewalt nicht überaus detailliert beschrieben, aber sprachlich explizit. Sie wird nicht verherrlicht, aber als Selbstverständlichkeit gezeigt. Der Autor würde sein Vorgehen sicher als Notwendigkeit verteidigen, um das brutale System der Goldenen zu veranschaulichen. Ein System, in dem es um das Herrschen geht und in dem Gewalt als adäquates Mittel angesehen wird. Die Goldenen zweifeln das Ganze nicht an und so wie Darrow zu einem von ihnen wird, so scheint auch er die Überzeugungen zu verinnerlichen. Okay. Aber sollte nicht auf einer übergeordneten Ebene der Schrecken und die Sinnlosigkeit der Gewaltexzesse offenkundig werden und Darrow als korrigierende moralische Instanz fungieren? Oder sollte er nicht zumindest reflektieren, wie sehr ihn das System korrumpiert? Vermutlich wollte Brown genau das sogar erreichen, aber dann hat er leider gnadenlos versagt. Es ist seltsam. Zwar schreibt er seiner Hauptfigur immer wieder eine emotionale Betroffenheit zu, doch dann fällt es beiden allzu leicht, dem brutalen Kurs der herrschenden Klasse zu folgen. Pierce Brown schafft es nicht, die moralische Verwerflichkeit des Systems und seiner Mitglieder auch nur annähernd aufzuzeigen. Durch die reine Darstellung desselben und oberflächliche Bekundungen des Protagonisten ist das nicht zu erreichen.

Leider erschöpft sich die Geschichte in der Gewaltdarstellung. Ein darüber hinaus gehender Spannungsbogen ist beim besten Willen nicht auszumachen. Das mag auch in der Ich-Perspektive begründet sein, denn Darrow analysiert und interpretiert die Handlungen seiner Konkurrenten genauso wie das Geschehen selbst. Dadurch geht die Unmittelbarkeit verloren. Der Leser gewinnt Abstand zu den Ereignissen und den Akteuren. Außerdem besteht ein Großteil des Romans in der Ausbildung der Goldenen. Da es sich um den ersten Band einer Trilogie handelt, kann sich der Autor natürlich Zeit nehmen. Doch hier geht es einfach zu sehr, um die Ausbildung ansich und die damit einhergehende Gewalt anstatt um einen stringenten Plot.

Die Lobeshymnen, die Red Rising hervorgerufen hat, sind unverständlich. Ja, sie machen sogar wütend. Fast so wütend wie es der Roman selbst vermag. Die Lobhudler ziehen Vergleiche zu „Der Herr der Fliegen“, „Die Tribute von Panem“ und „Ender’s Game“. Sie übersehen jedoch, dass im Gegensatz dazu, Pierce Brown die Empathie für die Figuren und ein differenzierter Blick auf seine eigene Kreation fehlt. Es gibt keine Distanz zur dargestellten Verrohung der Gesellschaft. Selbst halbherzige Versuche gehen ins Leere. Kritische Gedankengänge des Protagonisten wirken wie Schall und Rauch. Der Leser kann schließlich mit niemandem mehr in dieser kalten Welt wirklich mitfühlen und gerade das muss einem Autor gelingen. Es ist wirklich erstaunlich wie wenig der Leser in Darrows Schicksal eingebunden wird. Stattdessen wirkt die ständige Gewalt, die fast schon als eine Hauptfigur gelten kann, enervierend und ätzend, so dass sie positive Seiten verdrängt. Ganz sicher hat Brown nicht beabsichtigt, Gewalt als selbstverständlich zu propagieren. Aber es wäre wahrlich überhaupt kein Wunder, wenn die anvisierte jugendliche Leserschaft seinen Roman genauso auffassen würde.

Somit gibt es leider nur eine Schreibmaschine.

1Writer

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Pierce Brown, Red Rising, Heyne Verlag 2014. 

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2 Gedanken zu „[Rezension] Red Rising

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