[Rezension] Lizzie Doron: Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?

Doron

Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen? wird Helena von denjenigen gefragt, die nicht von „dort“ stammen. Nicht nur darin drückt sich ein gewisses Unverständnis gegenüber Helena aus. Denn diese hat ihre eigenen Methoden, um mit der schmerzvollen Vergangenheit und der neuen Heimat umzugehen. Als Einzige ihrer Familie hat sie den Holocaust überlebt und ist nach dem Krieg nach Israel gekommen wo sie nun, in den sechziger Jahren, allein mit ihrer Tochter Elisabeth lebt. Auch diese versucht, aus dem eigenwilligen Verhalten ihrer Mutter schlau zu werden. Da nie über die Erlebnisse in Polen gesprochen wird und Helena keine Erklärungen zu ihrem Verhalten abgibt, bleibt immer eine Distanz zwischen Mutter und Tochter. Manchmal wird Elisabeth offensichtlich von Helena angelogen, aber wenn sie nachfragt, erhält sie nur oberflächliche oder in ihren Augen unsinnige Antworten. Deshalb nimmt sie vieles hin, ohne es weiter zu hinterfragen. Und oft ist ihr die Mutter einfach peinlich.

Nach Helenas Tod erinnert Elisabeth sich in kurzen Anekdoten an ihr Zusammenleben. Und sie erzählt wie die Geschichten Jahre später eine weitere Dimension, eine Art Auflösung erfahren. Menschen erzählen ihr etwas über ihre Mutter und werfen so ein Licht auf deren Leben und Handeln. Und nicht nur Elisabeth sondern auch der Leser versteht, dass Helenas exzentrisch wirkendes Verhalten ihr ganz eigener Weg war, das Leben zu meistern. Dass sie vielleicht eine schwierige Mutter, aber eine einzigartige und extrem starke Frau war.

Lizzie Dorons autobiographischer Roman ist eher eine Sammlung von Schlaglichtern auf das Zusammenleben mit ihrer Mutter. Gemeinsam mit Elisabeth beobachtet der Leser wie sich die Vergangenheit tagtäglich in Helenas Verhalten niederschlägt. Die Zusammenhänge sind nur zu erahnen, aber dennoch offensichtlich. Jede Anekdote ist einem Puzzlestück gleich und ergänzt das Bild, dass Elisabeth von ihrer Mutter hat. Aber kein Puzzleteil vervollständigt es. Es ist wirklich erstaunlich und spannend, wie Helena später noch ergänzende Informationen erhält oder erfährt, wie andere Menschen ihre Mutter wahrnahmen. Dadurch kann sie die Distanz zu ihr, wenn auch nicht überwinden, so doch ein wenig verkürzen.

LD

Lizzie Doron auf der Leipziger Buchmesse 2012.

Die Autorin hat eine klare und dennoch poetische Sprache gefunden, die Helenas Persönlichkeit und das Verhältnis von Mutter und Tochter eindrucksvoll widerspiegelt. Es ist beeindruckend, wie wenige Worte und Seiten die Autorin benötigt, um dermaßen viel auszudrücken. Hinter der einfachen Darstellung der Ereignisse existiert immer eine zweite, tiefere Ebene. Es gibt viele Beschreibungen, die trotz ihrer Vagheit zutiefst gefühlvolle und berührende Einsichten vermitteln. Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen? beleuchtet nicht nur die Auswirkungen des Holocausts auf die zweite Generation sondern erschafft auch ein bemerkenswertes Denkmal für Lizzie Dorons Mutter. Der geringe Umfang ist deshalb letztlich doch ein Manko, da Helenas Leben sicher noch viel mehr Stoff bereitgehalten hätte. Aber glücklicherweise hat Lizzie Doron noch weitere autobiographische Werke geschaffen.

4/5 Schreibmaschinen

4Writer

Lizzie Doron, Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?, Surkamp Taschenbuch 2006.

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