[Filmkritik] 12 Years a Slave

BildGespenster

Genre: Historisches Drama

Besetzung:  Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Lupita Nyong’o, Benedict Cumberbatch, Paul Dano u.a.

Produktionsland: USA

Jahr: 2013

Dauer: 134 Min.

Der Geiger Solomon Northup lebt als freier Mann mit seiner Familie in Saratoga Spring. Als seine Frau mit den Kindern verreist, bieten ihm zwei Schausteller einen Job an. Er soll ihre Darbietungen musikalisch begleiten. Er akzeptiert das lukrative Angebot und reist mit ihnen nach Washington. Am Tag der Rückreise findet er sich jedoch morgens in Ketten wider und muss mit Schrecken erkennen, dass er betäubt und in die Sklaverei verkauft wurde. Es folgen zwölf Jahre Gefangenschaft, Schwerstarbeit, Demütigungen, Gewaltexzesse und schiere Verzweiflung.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es sich bei 12 Years a Slave um einen sehr kraftvollen und schmerzhaften Film handelt. Er trägt dazu bei, die Geschichte der Sklaverei im kollektiven Gedächtnis wachzuhalten. Nichtsdestotrotz fällt es ein wenig schwer, in die allgemeinen, uneingeschränkten Lobeshymnen einzufallen, lässt sich doch der ein oder andere Kritikpunkt finden.

Die Besetzung ist hochkarätig.

Neben der Hauptfigur Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) sind Sklavenhalter Edwin Epps (Michael Fassbender) und die Sklavin Patsey (Lupita Nyong’o) zweifelsohne die bedeutendsten Charaktere des Films. Sie sind für die Geschichte von immanenter Bedeutung (beim Protagonisten bedingt sich das von selbst), ihre Handlungen werden am stärksten beleuchtet und sie haben demzufolge die meisten und eindrucksvollsten Szenen.

Chiwetel Ejifor zeigt Solomon Northrup als sensiblen Mann, der darum kämpft, sich nicht aufzugeben und trotz allem seine Menschlichkeit zu bewahren. Michael Fassbenders Darstellung ist die eindrucksvollste und komplexeste. Jähzornig und brutal demütigt und bestraft Epps die Arbeiter, für die Sklavin Patsey hat er eine merkwürdige Besessenheit entwickelt. Er ist in einer Ehe ohne Liebe gefangen, die stattdessen von beidseitiger Verachtung geprägt ist. Seine Frau heizt seinen Jähzorn an und versucht, ihn zu kontrollieren. Epps wiederum ist dem Alkohol stark zugeneigt. Ein Grund hierfür offeriert der Film nicht. Es lässt sich nur mutmaßen ob ihn der Frust über seine freudlose Ehe dazu bringt. Vielleicht säuft er auch nur einfach gerne, soll’s ja geben. Sein Dasein als Sklavenhalter wird ihm kaum zu schaffen machen da er so etwas wie Moral nicht zu kennen scheint. Lypita Nyong’o hat als Patsey sehr intensive Szenen zu bewältigen, in denen sie Demütigung und Gewalt erfährt. Allerdings ist die Figur zugleich sehr plakativ und scheint nur in wenigen Szenen für sich zu stehen. Die meiste Zeit reflektiert sie das Verhalten und die Haltung ihrer Umwelt, das heißt von Northup, Epps und dessen Ehefrau. Nichtsdestotrotz ist besonders die Szene, in der sie Solomon um Hilfe bittet, wirklich sehr zu Herzen gehend.

Die übrigen Figuren ziehen wie Wolken am Horizont vorbei. Sie werden gezeigt, ihre Beweggründe und Handlungsweisen lassen sich aber manchmal nur erahnen. Bestes Beispiel ist Plantagenbesitzer Ford (Benedict Cumberbatch). Er scheint durchaus Mitgefühl mit seinen Untergebenen zu haben, behandelt sie wohlwollend, fügt sich aber andererseits nahtlos ins System ein und nutzt es für seine Zwecke. Er hält seinen Arbeitern christliche Predigten, scheint emotional mitgenommen als er eine Sklavin kauft, ihren Sohn jedoch nicht mitnehmen kann. Seinen Lebensstil und die Plantage aufzugeben oder im Norden neu aufzubauen, kommt offensichtlich nicht in Frage. Die Figur wird gezeigt, bleibt für den Zuschauer aber genauso unnahbar wie wohl für Solomon Northup. Und selbst ein Benedict Cumberbatch vermag es nicht, dieser Ambivalenz Tiefe zu verleihen und auf irgendeine Weise zu erklären. Der Abolitionist Bass (Brad Pitt) erklärt auf die Bitte, einen Brief an Northups Freunde im Norden zu schreiben, dass es sehr gefährlich sei. Abermals wird nicht verständlich warum es eine Gefahr für einen freien Mann darstellen soll, einen anonymen Brief zu verschicken. Die Beweggründe der handelnden Personen bleiben häufig in der Schwebe und der Zuschauer muss sich einen eigenen Reim darauf machen. Paul Dano als Aufseher auf Fords Plantage muss lobend erwähnt werden. Trotz seines sehr jugendlichen Aussehens lässt er seine Figur anfangs auf subtile Weise gefährlich wirken ehe sie es schließlich wird.

Das System der Sklaverei wird ohne den Zuschauer zu schonen in aller Härte gezeigt. Nicht nur nächtliche Szenen in denen Epps seine erschöpften Sklaven zwingt zu tanzen, verdeutlichen, dass Macht in den falschen Händen offenbar zwangsläufig zu Erniedrigung und Quälerei führt. Wobei ein System der Zwangsarbeit und Zwangsherrschaft nur von falschen Händen geschaffen werden kann. Nicht nur in diesen Szenen erinnert der Film an Geschehnisse im Nationalsozialismus. Hier wie dort gab es skrupellose Psychopathen, die das System zu dem machten was es war (Epps) und Mitläufer, die das Ganze verachteten, aber dennoch mitmachten (Ford).

Das Ziel, das Publikum zu schockieren und zu Tränen zu rühren, erreicht der Film gekonnt geradezu routiniert. Jedoch ist dies der Hauptkritikpunkt. Es liegt im Wesen der Sache, dass Gewalt, Demütigungen und das perfide Herrschaftssystem der Südstaaten den Zuschauer berühren. Dass der Film dieses System verständlich und geradezu fühlbar macht, ist seine große Leistung. Komischer Weise fehlt aber ein Quäntchen zu tiefer emotionaler Beteiligung des Zuschauers. Vielleicht liegt es daran, dass trotz der Laufzeit von 134 Minuten die zwölf Jahre der Gefangenschaft relativ komprimiert und anhand signifikanter Ereignisse erzählt werden. Dadurch wirken die leider ein wenig aneinandergereiht und der Zuschauer hat kaum Zeit, sie zu verarbeiten.

Die Bilder gepaart mit einer bestechenden Akzentuierung bestimmter Geräusche vermitteln ein Gefühl für die Südstaaten. Für die Schwüle, die undurchdringliche Landschaft und die Atmosphäre. Im Kino könnte es mitunter vielleicht etwas zu laut gewirkt haben, doch die Konzentration z.B. auf das Festziehen der Saiten einer Geige intensiviert das Filmerlebnis und verstärkt den unbehaglichen Gesamteindruck. Störend wirken hingegen die zum Teil sehr langgezogenen Szenen. Oft verharrt die Kamera noch etwas länger in einer Einstellung und dehnt die Situation. Vielleicht soll dieser Kniff deutlich machen, wie quälend langsam die Zeit für Solomon verstreicht. Für den Zuschauer tut sie es in diesen Momenten auf jeden Fall. Andererseits wird kaum deutlich, dass die erzählte Zeitspanne ganze zwölf Jahre umfasst. Wenn Solomon Northup am Ende leicht ergraut ist, geschieht das recht abrupt und erst dadurch werden die vielen Jahre in Gefangenschaft visuell erkennbar.

Bedingt durch die autobiographische Vorlage wird die Geschichte konsequent aus Northups Sicht erzählt. Leider kann dadurch kein Blick auf seine Familie während seiner Abwesenheit geworfen werden. Es wäre überaus interessant gewesen, zu erfahren wie sie mit dem Verlust umgegangen ist. Ob und wie sie erfahren hat, dass er als Sklave leben muss und ob es Anstrengungen gab, etwas für ihn zu tun. Möglicherweise dachte die Familie all die Jahre der Ehemann und Vater hätte sie aus freien Stücken verlassen. Mit Sicherheit gibt es über all dies jedoch gar keine gesicherten historischen Erkenntnisse. Wenn sich ein Film wie hier gänzlich auf einen autobiographischen Stoff konzentriert, weckt er zweifelsohne den Eindruck einer gewissen Authentizität. Dieser ist essentiell für seine Wirkung auf den Zuschauer. Eine fiktiven Handlung, die auf gesicherten historischen Tatsachen beruht, kann andererseits ein weitaus komplexeres Werk ergeben. Auch dies wird durch 12 Years a Slave deutlich.

Insgesamt erzählt 12 Years a Slave eine eindrucksvolle Geschichte, die aufgrund ihres realen Hintergrunds eine besondere Wirkung erzielt. Chiwetel Ejiofor weiß als Solomon Northup zu überzeugen, Michael Fassbender bietet jedoch die herausragendste Leistung.

8 Tickets

 

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12 Years a Slave, Fox 2013.

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