[Rezension] Chris Weitz: Young World – Die Clans von New York

BildGespenster

Eine heimtückische Krankheit hat die Weltbevölkerung dahingerafft. Die einzigen Menschen, die nicht von ihr betroffen sind, sind die Teenager. Und so blieben sie auf sich allein gestellt zurück.

In New York haben Clans die Stadt unter sich aufgeteilt. Sie kämpfen ums tägliche Überleben, bekriegen sich aber auch gegenseitig. Am Washington Square lebt Jefferson. Als sein älterer Bruder Wash mit achtzehn an der tückischen Krankheit stirbt, übernimmt Jeff widerstrebend die Führung des Clans. Kurz darauf informiert ihn eines der Mitglieder, dass es eine wissenschaftliche Abhandlung finden möchte, die Hinweise auf die Ursachen der Pandemie liefern könnte. Sie entscheiden, sich auf den Weg zur Universitätsbibliothek zu machen, um den Artikel zu finden. Ihnen schließen sich Donna und Peter an. Und gemeinsam starten sie zum gefährlichsten Trip ihres Lebens.

Als Erzähler fungieren Jefferson und Donna, seine Freundin aus Kindertagen. Beide Stimme wechseln sich ab und werden anhand unterschiedlicher Schriftarten kenntlich gemacht. Auch in Sprachstil und Denkweise unterscheiden sich die sympathischen Erzähler. Während Jeff gradlinig denkt, versteckt Donna ihre verletzliche Seite hinter lockeren Sprüchen. Ihre Ausdrucksweise ist schnodderiger und ihre wirklichen Gefühle lassen sich oft nur erahnen. Beide bieten den weiblichen und männlichen Lesern jeweils eine Identifikationsfigur sowie Orientierung in der postapokalyptischen Welt. Ihre Perspektiven bieten unterschiedliche Blickwinkel auf die Geschichte und ergänzen sich damit.
Da es keinen neutralen Erzähler gibt, muss sich der Leser also auf das verlassen, was ihm die Protagonisten berichten. Somit bleibt sein Blick auf Personen und Situationen immer abhängig von Jeff und Donna. Ihre Einschätzungen muss übernommen werden. Nicht immer schenken sie den Dingen Aufmerksamkeit, die möglicherweise ihre Begleiter tangieren. Dieses Vorgehen führt u.a. dazu, dass die übrigen Personen mehr oder weniger schemenhaft bleiben. Der Leser kann keinen Draht zu ihnen aufbauen, so dass ihr Schicksal ihn nie wirklich berührt.

Chris Weitz ist der Oscar-nominierte Drehbuchautor und Regisseur der Komödie About a Boy. Es ist Young World – Die Clans von New York anzumerken, dass er es gewohnt ist, Bilder zu erschaffen. Auch in diesem Fall lässt er die Szenen, Figuren und Zustände in New York vor dem inneren Augen des Lesers lebendig werden. Der Schreibstil ist flott und lässt keine Langeweile aufkommen. Auch innerhalb der Storyline gibt es nur wenige Ruhephasen, die rasch von Actionszenen abgelöst werden. Schon zu Beginn wird der Leser unvermittelt ins Geschehen geworfen und lernt erst nach und nach die Regeln der Welt kennen. Das ist geschickt und kurzweilig gelöst.

In der besten aller Welten sollte der Anspruch eines Jugendromans nicht allein darin bestehen, seine Leserschaft zu begeistern, sondern auch positive Werte zu vermitteln. Negative Themen sollten angesprochen und ein Weg gezeigt werden, adäquat damit umzugehen. Das sollte natürlich niemals plump und auf Kosten der Unterhaltung geschehen, aber doch eine Orientierung bieten.
Leider löst Young World – Die Clans von New York diese Erwartungen nur bedingt ein. Obwohl die Protagonisten immer wieder das Erlebte kommentieren und die Actionszenen somit nicht unreflektiert bleiben, wird eine klare Abgrenzung gegenüber der Gewalt und eine grundsätzliche Kritik daran nicht deutlich genug herausgearbeitet. Diese zeigt sich auch in frauenfeindlichen Äußerungen und Szenen, die ebenfalls weitestgehend unkommentiert bleiben. Das beschriebene Verhalten lässt sich in unserem Alltag überall finden. Es ist naheliegend, dass manche Teenager in einer postapokalyptischen Welt auch nicht schlauer geworden sind. Leider wird diesem Benehmen aber im Roman keine adäquate Gegenreaktion zugeordnet. Und wenn der Autor „wie ein Mädchen zu laufen“ synonym für „schlecht zu laufen“ verwendet, stellt sich doch die Frage, ob hier nicht etwas mehr Reflexion angebracht gewesen wäre. Die Linie ist häufig zu unscharf zwischen der Ablehnung von Gewalt in jeglicher Form durch einzelne Figuren und einer Selbstverständlichkeit mit der diese vom Autor beschrieben wird. Es kann argumentiert werden, dass Weitz genau das damit zeigen wollte. Dass das Verhalten für die Teenager zur Alltäglichkeit geworden ist. Doch auch dann sollte klar herausgestellt werden, dass es zwar alltäglich aber keineswegs akzeptabel ist. Auch ist nicht immer ersichtlich, ob die Gewalt allein an Intensität zunimmt, weil der Autor die Verrohung der Teenager zeigen oder aber einer Sensationssucht seiner Leser entsprechen möchte.

Es bleibt unerwähnt, in welcher Zeit die Geschichte spielt. Doch die zahlreichen Nennungen von Produkt- und Konzernnamen sowie Musik- und Filmtitel legen nahe, dass sie in der nahen Zukunft angesiedelt ist. Leider entsteht durch die Namen und Titel einerseits der Eindruck als handele es sich schlicht um Product-Placement. Andererseits als wolle der Autor beweisen, wie gut er sich doch in der Popkultur auskennt. Als riefe er den jugendlichen Lesern zu, dass er einer von ihnen sei. Leider führt es ebenfalls dazu, dass die Geschichte in diesen Momenten an Stärke und Zugkraft verliert. Zu gegenwartsbezogen und zu nah ist sie. Ihr fehlt dadurch die universelle Kraft, die eine Geschichte zu jeder Zeit und auch noch in hundert Jahren funktionieren lässt. Vielleicht möchte Weitz das auch gar nicht. Vielleicht möchte er beim heutigen Leser den Eindruck wecken, dass jederzeit eine Pandemie ausbrechen kann. Und womöglich werden in hundert Jahren ohnehin keine Bücher mehr gelesen. Nichtsdestotrotz ist es schade, dass er die Reichweite von Young World von vornherein beschränkt.
Leider stellt Weitz sich nicht nur in dieser Hinsicht selbst ein Bein. Mit der finalen Wendung wird schließlich sogar die Grundidee sabotiert und die Geschichte zu einem durchschnittlichen postapokalyptischen Action-Abenteuers degradiert. Zwar bleibt es ein gut geschriebenes, abwechslungsreiches Abenteuer, doch es endet mit einer großen Enttäuschung.

Young World – Die Clans von New York bietet Action und Abenteuer in einem nicht allzu fernen, lebensfeindlichen New York. Obwohl dieser erste Band einer Reihe sehr unterhaltsam und kurzweilig ist, weist er doch leider gewichtige Schwachstellen auf. Schließlich demontiert er sich sogar selbst. Schade.

Danke an Lovelybooks und den Verlag, der den Roman im Rahmen einer Leserunde zur Verfügung gestellt hat.

3Writer

Chris Weitz, Young World – Die Clans von New York, dtv 2015.

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