[Filmkritik] My old Lady – Eine Erbschaft in Paris

Diviners

Dauer: 104 Min.

Darsteller: Maggie Smith, Kevin Kline, Kristin Scott Thomas

Jahr: 2013

Genre: Drama, Komödie, Romanze

Mathias Gold aus New York erbt von seinem Vater wenige persönliche Dinge und eine Wohnung in Paris. Da die Hauptstadt nicht gerade für ihre günstigen Immobilien bekannt ist, erhofft er sich wenigstens vom Verkauf des Appartements ein hübsches Sümmchen, das seine Geldsorgen beendet. Also nimmt er sein letztes Geld und bucht einen Flug nach Europa.

In Paris muss Mathias feststellen, dass die Wohnung von der 92-jährigen Mathilde und ihrer Tochter Chloé bewohnt wird. Doch leider kann er ihnen nicht kündigen, denn sein Vater hat mit ihr eine sogenannte Immobilienleibrente vereinbart, die es in der Form nur in Frankreich gibt. Statt im Zuge des Verkaufs einmalig eine große Summe zu entrichten, erhält der Vorbesitzer eine monatliche Rente und lebenslanges Wohnrecht. Der Erbe erhält also kein Geld, sondern muss vielmehr der alten Dame 2400€ pro Monat zahlen. Da er sich aber nicht mal ein Hotel leisten kann, erlaubt Mathilde ihm dankenswerter Weise erst mal bei ihnen zu wohnen. Während er nun versucht, eine Möglichkeit zu finden, das Appartement doch noch zu Geld zu machen, erfährt er immer mehr über seine Mitbewohnerinnen, aber auch über seinen Vater und die eigene Vergangenheit.

My old Lady basiert auf dem Bühnenstück von Israel Horovitz, der ebenso Drehbuchautor und Regisseur des Films ist. In der Bühnenfassung ist das Appartement wahrscheinlich der einzige Schauplatz. Dort treffen die Figuren aufeinander, können sich nicht aus dem Weg gehen, müssen sich auseinandersetzen. Das mag gut funktionieren. Doch in der Filmversion müssen Leerstellen durch Bilder ausgefüllt werden. Wenn im Theater etwas über Chloés Privatleben behauptet wird, dann muss es im Film gezeigt werden. Immerhin will die Laufzeit gefüllt werden und für einen so reduzierten Schauplatz wie ein Appartement ließen sich sonst wohl nur Arthouse-Enthusiasten begeistern.

Die Geschichte ist ziemlich simpel. Es braucht wahrlich keinen Hellseher, um den Plot vorhersagen zu können. Das muss nicht zwangsläufig zu einer schlechten Verfilmung führen. Gründen nicht viele (die meisten) Geschichten auf einfachen Konstellationen? Doch in diesem Fall ist der Plot nicht nur vorhersehbar, sondern wurde darüber hinaus extrem einfallslos inszeniert. Da können auch die großartige Maggie Smith und der sonst so überzeugende Kevin Kline nichts mehr retten. Das liegt keinesfalls an ihrem Unvermögen. Maggie Smiths Möglichkeiten werden hier schon allein dadurch beschränkt, dass ihre körperliche Präsenz auf ein Mindestmaß reduziert wird. Sie spielt in weniger Szenen eine Rolle als der Titel des Films vermuten ließe. Und dabei sitzt sie vornehmlich im Sessel, hört Musik oder döst vor sich hin. Sie fungiert mehr oder weniger als Stichwortgeberin für Mathias, der daraufhin entweder in depressive Gedanken verfällt oder handelt. Obwohl Kevin Kline sich überaus viel Mühe gibt, gelingt es ihm nicht, den Zuschauer emotional zu erreichen. Das ist umso erstaunlicher, da Mathias eine traurige Kindheit und daraus resultierende tragische Lebensgeschichte zuerkannt wird. Natürlich steckt dahinter wiederum eine Geschichte, die mit Mathilde und dem Appartement verbunden ist. Aber wie gesagt, überraschen kann sie nicht. Bliebe noch Kristin Scott Thomas. Doch auch die Figur der Chloé ist sehr blass und oberflächlich. Anstatt eine mehrschichtige Mutter-Tochter-Beziehung zu schaffen, erscheint Chloé in erster Linie als eine frustrierte Jungfer und erfüllt einfach nur ein Klischée. Nicht mehr und nicht weniger. Und leider ist sie damit nicht allein. Die Beziehung zwischen ihr und Mathias ist ebenfalls absolut uninspiriert und daher einfach unglaubwürdig.
Es ist immer wieder schade, wenn begabte und überzeugende Schauspieler in schlechten Filmen gezwungen werden, unter ihren Möglichkeiten zu bleiben.

Auf der DVD-Hülle wird der Film mit „Eine charmante Komödie – Lachen und Weinen garantiert“ und „Irre witzig und gleichzeitig herzerwärmend. Grandios!“ beworben. Es stellt sich wirklich die Frage, ob die Verfasser dieser Worte My old Lady gesehen haben oder ob der Designer des Covers die Aussagen dem falschen Film zugeordnet hat. Auf der International Movie Database wird er als Drama, Komödie und Romanze klassifiziert.

My old Lady ist in keinster Weise eine Komödie. Auch keine Romanze, denn dafür steht die Liebe nicht genug im Vordergrund. Das Wort „Drama“ trifft es schon eher, allerdings gehört er eher zu den weniger guten. Anscheinend wollte Horovitz ein typisch französisches Drama schaffen bzw. das, was er dafür hält. Düster, emotional anstrengend (für Figuren und Zuschauer), existentialistisch. In Teilen klappt das sogar, denn die Zuschauer werden nach dem Film eher in eine Depression entlassen als ausgelassen zu sein. Das erinnert ja dann doch an die typischen französischen Dramen früherer Dekaden. Aber ist es nicht unabdingbar für das Genre, dass die Zuschauer mit den Figuren mitfühlen? Dies gelingt My old Lady in keinster Weise, da die Charaktere zu sehr an der Oberfläche bleiben. Vielmehr erinnert die Umsetzung an eine deprimierende Therapiestunde, in der die Kindheit und das Verhältnis zu den Eltern aufgearbeitet werden und der Patient sich in diesem Fall noch vornehmlich selbstleid tut. Eine Therapiestunde, deren Ende die Zuschauer allzu sehr herbeiwünschen.

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