[Rezension] Cinder

F-Word

Cinder ist ein Cyborg, dass heißt einige Körperteile wurden durch elektronische Bauteile ersetzt. Damit gehört sie einer diskriminierten Minderheit in Neu-Peking an. Auch Ihre Stiefmutter behandelt sie schlecht. Während die beiden leiblichen Töchter bevorzugt und verwöhnt werden, darf Cinder schuften. Das tut sie als Mechanikerin mit einem eigenen Stand auf dem örtlichen Markt. Mittlerweile hat sie sich einen vortrefflichen Ruf erarbeitet und eines Tages sucht sogar Prinz Kaito inkognito ihre Hilfe. Er erteilt ihr den Auftrag, seinen Androiden zu reparieren. Sofort sind sich der Thronfolger und die Mechanikerin sympathisch, doch Kais Leben ist keineswegs so sorglos wie seine Untertanen annehmen. Die Pandemie Letumose rafft Millionen von Menschen dahin und sein Vater ist ebenfalls daran erkrankt. Außerdem hat die Königin von Luna ihren Besuch angekündigt und es ist mehr als fraglich, ob ihre Pläne friedlich sind. Ehe Cinder sich versieht, wird sie in politische Ereignisse verstrickt, deren Folgen nicht nur für sie beängstigend und nicht abzuschätzen sind.

„Aschenputtel“ in der Zukunft spielen zu lassen und die Titelheldin in einen Cyborg zu verwandeln, ist originell und sehr vielversprechend. Erwartungsgemäß finden sich alle bekannten und unabdingbaren Ingredienzien der Vorbilds. Die familiäre Konstellation, die Romanze zwischen Aschenputtel und dem Prinz, den königlichen Ball und den verlorenen Schuh äh Fuß etc. Eine gewisse Vorhersehbarkeit bedingt sich somit von selbst, doch wie die klassischen Elemente modifiziert wurden, ist ein großer Teil des Spaßes, den der Roman liefert.

Den märchenhaften Grundpfeilern hat Marissa Meyer viele eigene Bausteine hinzugefügt. Ein großer Teil ist überraschend und fantasievoll. Doch leider wird das Potenzial nicht konsequent ausgeschöpft. Sehr vieles wird nur angedeutet oder in wenigen Sätzen abgehandelt. Besonders spannend wäre z.B. der Aspekt der Cyborgs und ihrer Stellung in der Gesellschaft gewesen. Mehr Details hätten definitiv zur Lebendigkeit von Ort und Zeit beigetragen.
Abgesehen davon gibt es außerdem einige vorhersehbare Elemente. So wird das wohl größte Geheimnis schon am Anfang so plump angedeutet, dass die Wendung am Ende überhaupt nicht mehr überrascht. War es wirklich nötig, Cinders Steckbrief so zu ergänzen? Klar, wird der Umstand für die Fortsetzungen wichtig sein, aber eine raffiniertere Variante wäre mehr als wünschenswert gewesen. So wirkt als habe Marissa Meyer die einfachste bzw. platteste anstatt die beste Möglichkeit gewählt.

Eine Stärke des Romans sind die gezeigten Beziehungen. Das Verhältnis zwischen Stiefmutter und -Tochter, zwischen den Stiefgeschwistern oder Cinders Freundschaft mit dem Haushalts-Androiden – sie alle werden nachvollziehbar und glaubwürdig dargestellt. Sie bieten dem Leser emotionale Anknüpfungspunkte.
Eine Ausnahme ist die sich anbahnende, wenig fundierte Beziehung zwischen der Titelheldin und dem Prinzen. Glücklicherweise nimmt sie nicht allzu viel Raum ein, wird nicht übertrieben romantisch dargestellt und keiner der beiden schaltet seinen Verstand vollständig ab. Warum sich der Prinz von Cinder angezogen fühlt, lässt sich jedoch nur erahnen und was genau sie an ihm außer seinem Aussehen mag ebenfalls.

Größtes Manko ist die mangelnde Logik einzelner Aspekte. Die sinnlos-tödliche Art und Weise mit der Dr. Erland nach Cinder gesucht hat, ist dafür nur ein Beispiel.

Marissa Meyer stellt sich selbst ein Bein. Trotz vielversprechender Ideen, einem unterhaltsamen Plot und einem guten Tempo entwickelt die Geschichte überraschenderweise keinen starken Sog. Es wird lediglich ein kleiner Teil des unangefochten großen Potenzials genutzt. So bleibt Cinders Welt leider deutlich hinter den Möglichkeiten zurück.

3 Schreibmaschinen

3Writer

Auf deutsch: Marissa Meyer, Wie Monde so silbern, Carlsen 2013.

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