Wir müssen reden über: Doctor Foster Season 1

Im Gegensatz zu den üblichen Kritiken wird dieser Beitrag Spoiler enthalten, um die Kritikpunkte anhand von Beispiele zu verdeutlichen.

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Gemma glaubt eine glückliche Ehe zu führen, muss jedoch feststellen, dass ihr Ehemann Simon sie seit zwei Jahren mit einer Jüngeren betrügt. Nach und nach erkennt sie, dass so gut wie jeder in ihrer Umgebung schon lange von der Affäre weiß. Statt Simon zur Rede zu stellen, schweigt auch sie und versucht, ihre Ehe zu retten. Auch in ihrer Arztpraxis gibt es zunehmend Probleme und sie vergrößern sich, als Gemmas Privat- und Berufsleben kollidieren.

Das fünfteilige BBC-Drama vom Herbst 2015 mit Suranne Jones und Bertie Clavel in den Hauptrollen erhielt hohe Einschaltquoten und zahlreiche positive Kritiken. Deshalb wurde vor kurzem die Produktion einer zweiten Staffel angekündigt.

Einerseits besticht Doctor Foster durch Dialoge und Bilder. Beides wirkt kühl, aber gleichzeitig pointiert und sehr auf das Wesentliche fokussiert. Doctor Foster führt eindrucksvoll vor, wie aus Liebe Hass wird.

Die Besetzung ist passend und glaubwürdig. Auch ihre Arbeit macht sie vorbildhaft. Erzählt wird die Geschichte vor allem aus Gemmas Perspektive. Die Fokussierung auf ihre Person, schlägt sich in zahlreichen Nahaufnahmen nieder. Suranne Jones zeigt eine große darstellerische Bandbreite, wenn sie die unterschiedlichen Seelenzustände ihrer Figur darstellt. Ja, sie ist wirklich der Star der Show.

Andererseits gaukelt die Inszenierung vor, mehr zu sein als die Geschichte schließlich halten kann. Die stellt sich zunehmend als konventionell heraus. Anfangs werden Spannung und überraschende Wendungen suggeriert, doch letztlich wiederholt die Geschichte langweilige Stereotype. Die Geliebte ist (natürlich) viel jünger und wird später schwanger. Simon veruntreut das gemeinsame Geld, das eigentlich nur von Gemma verdient wird. Sohn Tom fühlt sich von seiner berufstätigen Mutter vernachlässigt. Um nur einige Beispiele zu nennen. Ebenso bietet das spannend aufgebaute Finale letztlich doch nur eine abgedroschene Lösung. Die Erwartungen und die Hoffnung, dass Gemma einen raffinierten Racheplan gegen Simon ausführen wird, werden auf ganzer Linie enttäuscht. Es kann lediglich mit der naheliegenden Variante aufwarten, dass Simon Gemma schlägt und ihm daraufhin das Umgangsrecht mit Tom entzogen wird. Als „Verlierer“ kann er dennoch nicht gelten, denn immerhin beginnt er mit seiner schwangeren Geliebten in London ein neues Leben.

Die Charaktere sind nicht nur klischeehaft, sondern nahezu ausnahmslos außerordentlich unsympathisch. Einzig der ehemalige Arzt Jack scheint noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte zu sein. Dies ist umso erstaunlicher, da er Alkoholiker ist und die anderen Figuren angeblich keine psychischen Probleme haben. Er ist ebenfalls der einzige Mensch, der zu wirklicher, tiefer und bedingungsloser Liebe fähig ist.

Gemma:

Anfangs verdrängt Gemma, Zweifel an Simons Treue. Sie hofft, dass ihr Misstrauen unbegründet ist. Eine naheliegende Verhaltensweise. Sie möchte ihrem Ehemann glauben, ihn und ihre gemeinsames Leben nicht verlieren.
Während Simons Geburtstagsfest erfährt Gemma, dass er nicht nur tatsächlich fremdgeht, sondern auch dass ihre Freunde davon wussten. Und spätestens jetzt fragt sich der Zuschauer, warum sie nicht die Party sprengt und Simon und die Gäste damit konfrontiert. Obwohl sie sichtlich neben sich steht, verläuft doch wieder alles im Sande und sie tut weiterhin so als wäre nichts. Nur kann der Zuschauer ihre Reaktion überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Keine Frau mit nur etwas Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl würde sich so verhalten. Steht sie zu sehr unter Schock? Plant sie einen Rachefeldzug? Oder leidet sie schon seit langem unter einer psychischen Erkrankung, die möglicherweise durch den frühen Tod ihrer Eltern ausgelöst wurde? All das wäre legitim, aber es müsste klar transportiert werden. Doch diese Fragen werden selbst dann nicht geklärt, als Gemma Simon am Ende in eine Fall lockt. Diese Auflösung ist zu offensichtlich, zu gewöhnlich, als dass sie als raffinierte Rache durchginge. Vielleicht ist es letztlich doch mangelndes Selbstwertgefühl, dass Gemmas Verhalten dominiert. Hierfür spräche, dass sie Simon die Verwaltung des gemeinsamen Geldes allein deshalb überlassen hatte, weil er behauptete, er könne es besser als sie. Nur weil er es sagt, ist sie ebenfalls davon überzeugt?
Alles in allem führt es dazu, dass Gemma nicht zur Identifikationsfigur taugt. Sie ist eine unzuverlässige und unsympathische Protagonistin.

Gemmas Kollegin und angebliche Freundin Ros:

Ros beschwört ständig, ihre und Gemmas Freundschaft. Dennoch lässt sie keine Gelegenheit aus, ihrer „Freundin“ das sprichwörtliche Messer in den Rücken zu bohren. In fast jeder Folge begeht sie mindestens einen Vertrauensbruch. Sie belügt Gemma, schenkt ihr keinen Glauben oder schafft es nicht, loyal zu sein und einen gemeinsam gefassten Plan umzusetzen.

Nachbarin Anna:

Anna weiß nicht nur von Simons Affäre, sondern auch von den Seitensprüngen ihres eigenen Ehemannes Neil. Allerdings hält sie große Stücke auf die eigene Ehe, während Gemma quasi selbst schuld an ihrer Situation sei. Sie halte sich für etwas Besseres und ohnehin hätten Gemma und Simon einander nie wirklich gekannt. Anders als sie und Neil. Von Solidarität kann also keine Rede sein, obwohl auch sie angeblich seit Jahren mit Gemma befreundet ist.

Kate, Simons Geliebte:

Sie entspricht den gängigen Klischees. Eine deutlich jüngere Blondine, die ihrem Geliebten glaubt, wenn er erklärt, er sei gefangen in einer unglücklichen Ehe. Sie ist zudem ziemlich dreist und erzählt ihrer Rivalin sogar unverblümt, dass sie eine Affäre mit einem verheirateten Mann habe. Genauso wenig zeigt sie Skrupel, Gemma als „Bitch“ zu bezeichnen und sie zu schlagen. Dabei vernachlässigt sie ihre eigene Rolle in der Geschichte nur allzu gerne. Klar, der Mann ist immer unschuldig und die Frauen gehen aufeinander los. Ironie aus.

Gemmas neue Freundin Carly:

Carly wird von ihrem Freund geschlagen. Statt sich zu trennen, bittet sie ihre Ärztin Gemma um Schlaftabletten. Sie glaubt, die nächtlichen Angriffe ihres Freundes blieben aus, wenn sie tief und fest schlafen würde. Eigentlich gibt es keine Indikation für die Tabletten, aber sie erhält das Rezept trotzdem. Im Gegenzug hilft Carly der Ärztin, Simon auszuspionieren. Später zwingt Gemma Carlys Freund, aus Carlys Wohnung zu verschwinden. Obwohl Gemmas neue „Freundin“ einen sehr toughen Eindruck macht, hat sie selbst das bisher nicht geschafft. Es gibt also mehr als einen Grund, Gemma gegenüber loyal zu sein. Doch die Trennung ist schnell wieder Geschichte. Und als der Freund, Gemmas Karriere zu beenden droht, schaut Carly nur teilnahmslos zu. Warum sie so handelt, wird nicht nachvollziehbar.

Simons Mutter:

Simons Mutter weiß ebenfalls von seiner Affäre und schützt ihn. Sie glaubt, er sei eben wie sein Vater. Als Gemma sie von ihren Scheidungsabsichten unterrichtet, ist ihre größte Sorge, dass das für ihren Sohn finanzielle und berufliche Probleme bedeuten würde. Mitgefühl für ihre Schwiegertochter bringt sie herzlich wenig auf.

Mary, die Gemma nach dem Tod der Eltern aufnahm:

Als Gemma sich zu ihr flüchtet, bringt Mary überhaupt kein Verständnis für sie auf. Sie scheint gar nicht nicht wahrzunehmen, wie schlecht es ihrer Besucherin geht. Als Gemma ihr Herz ausschüttet, reagiert Mary lediglich mit Plattitüden wie „in guten wie in schlechten Tagen“ und, dass eine Ehe für die Ewigkeit sei. Selbst bei der Frau, die ihr am nächsten steht, findet Gemma also keinerlei Unterstützung und Solidarität.

Das sind eindeutig zu viele Beispiele, als dass sie noch als Zufälle gelten könnten. Es gibt keine Frau, die wirkliches Verständnis für Gemmas Situation aufbringt. Selbst diejenigen, die etwas Ähnliches erlebt haben. Solidarität ist erst recht ein Fremdwort. Frauen treten entweder hilflos, gefühlsarm oder als Zicken auf. Resolute oder gar liebenswerte Vertreterinnen lassen sich nicht blicken. Doch dies gilt auch für die Männer. Sie werden zu „Opfern biologischer Gesetze“ erklärt, die quasi nur einem Muster folgen, wenn sie ihre Frauen betrügen. Allein Simon liefert einen (kleinen) Denkanstoss, wenn er sagt, dass von niemandem verlangt werden könne, sich für sein ganzes Leben festzulegen. Dass es immer geschehen kann, dass man jemandem begegnet und sich in diesen Menschen verliebt. Ungeachtet einer bereits bestehenden Beziehung.

Es bleibt nur festzustellen, dass die Figuren mehr oder weniger klischeehaft agieren.

Gewalt wird als Reaktion auf eine druckvolle Situation (Abendessen bei den Parks), Endpunkt von Konfrontationen (Gemmas und Simons finaler Streit), alltäglich (Carly und ihr Freund) oder Mittel zum Zweck (Gemma provoziert Simon, um das Sorgerecht zu erhalten) begriffen. Dass Gewalt grundsätzlich keine Lösung darstellt, wird an keiner Stelle deutlich. Es wird so vieles nicht deutlich.

Will Doctor Foster diese Botschaften bewusst vermitteln? Oder soll wichtige Gesellschaftskritik geübt werden? Dass seitenspringende Männer von ihrem sozialen Umfeld unterstützt werden während die Ehefrauen auf keine Solidarität hoffen dürfen? Dass der Staat gewalttätige Männer bestraft, ohne die Hintergründe einzubeziehen? Dass all das geändert werden muss? Die wahre Intention hinter Doctor Foster bleibt nebulös, denn das Geschehen kann genauso gut völlig anders interpretiert werden. Zum Beispiel, dass Gewalt nur die hilflose Reaktion auf eine Provokation darstellt. Oder dass eine „Karrierefrau“ es verdient, wenn sie von ihrem Ehemann betrogen und dem Kind abgelehnt wird. Dass Seitensprünge normal und kein Grund zur Aufregung darstellen. Dass es besser ist, solch eine Ehe weiterzuführen, als die Scheidung in Betracht zu ziehen.

Ein Drama kann als überspitzt erzählter Sonderfall verstanden werden. Andererseits kann es dazu dienen, gesellschaftliche Strömungen, Einstellungen oder Vorurteile ins allgemeine Bewusstsein zu bringen, Aufmerksamkeit und Verständnis hervorrufen.

Wenn es wie in diesem Fall allerdings  schlecht läuft, wird das Drama nicht zum Vermittler, sondern leider zum Vertreter und Anwalt dieser Themen. Selbst wenn das nicht beabsichtigt gewesen sein sollte, ist es nicht minder ärgerlich. Doctor Foster bezieht keine Stellung. Dem Zuschauer wird keine Interpretationshilfe zur Verfügung gestellt, stattdessen wird er ohne Kompass in einer Umgebung ausgesetzt, in der er vor lauter Plastikbäumen keinen Wald erkennt.

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