[Rezension] Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein

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1940 fällt der Sohn von Otto und Anna Quangel im Krieg. Bisher hat das Ehepaar sich unauffällig in der braunen Masse bewegt. Sie haben nichts hinterfragt und ein abgeschiedenes Leben geführt. Otto hat schon immer viel Wert auf seine Ruhe gelegt und Anna hat sich ihm angepasst. Doch nun ist alles anders. Otto spürt, dass er so nicht weitermachen kann. Er muss etwas tun. Er muss anständig sein, andere zum Nachdenken bringen, etwas ändern. Anna fühlt nicht nur Trauer über den Verlust ihres einzigen Sohns, sondern ebenso Wut auf den Führer und den Krieg, die ihr den geliebten Sohn geraubt haben. Sie zögert keinen Moment, als ihr Mann vorschlägt, Postkarten mit gefährlichen, ja lebensbedrohlichen, Botschaften zu verfassen und sie in Geschäftshäusern abzulegen. Es bleibt nicht bei Plänen, tatsächlich machen sie sich an die Ausführung. Doch schnell setzt sich die Gestapo auf ihre Spur.

Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada behandelt nicht nur das Schicksal des Ehepaars Quangel, sondern birgt ein Kaleidoskop unterschiedlichster Menschen und ihres Verhaltens während des Nationalsozialismus. Da gibt es die jüdische ältere Dame Frau Rosenthal, die Familie Persicke, die mit der braunen Welle mitschwimmt, um aufzusteigen oder den alten Gerichtsrat Fromm, der im Rahmen seiner Möglichkeiten, den Bedrohten zu helfen versucht. Es gibt den Spitzel Emil Barkhausen, der sich mit allem arrangiert solange etwas für ihn herausspringt und die Verlobte von Quangels Sohn, die gerne Widerstand leisten würde, sich dann aber doch lieber ins Private zurückzieht. Auch den Kommissar Escherich, der die Postkartenschreiber jagt, lernt der Leser neben vielen anderen Figuren kennen.

Hans Fallada schafft es, die Stimmung in der Gesellschaft einzufangen und zu vermitteln. Die Ängste, etwas Falsches zu sagen oder zu tun, und so als Feind des Staates zu gelten und hingerichtet zu werden. Die tägliche gegenseitige Bespitzelung. Niemandem trauen zu können. Die Macht, die Menschen aufgrund dieser Situation auf andere ausüben können. Wie sich einige damit arrangieren, um das Beste für sich selbst herauszuschlagen. Wie Moral nichts mehr bedeutet und diejenigen, die sich danach richten, zu Verbrechern erklärt werden. Und dann die Quangels, die plötzlich so klar und stark in ihrem Tun sind und ebenso in ihren Tod gehen. All das erlebt der Leser unmittelbar. Die Sprache verleiht dem Roman darüber hinaus große Authentizität. Fallada trifft nicht nur das typisch Berlinerische hervorragend.

Es gibt nicht viele Romane, die so stark wirken. Die Ausweglosigkeit des Ehepaars Quangel und das gleichzeitige Festhalten an ihrem Widerstand ist ebenso bedrückend wie bewundernswert. Der Mensch in unserer heutigen Gesellschaft hat bei weitem nicht soviel zu befürchten wie dieses Ehepaar und viel mehr Möglichkeiten, seine Meinung zu verbreiten. Dennoch nutzt er sie viel zu selten, um etwas gegen Ungerechtigkeiten zu tun. Gerade nach der Lektüre dieses Romans muss man sich fragen, ob eine Gesellschaft in der eine Obrigkeit alles über den Einzelnen wissen und die Interpretationshoheit über ihn haben will – der ist gegen uns weil er dieses und jenes gesagt hat- erstrebenswert ist. Oder ob, man nicht vielmehr etwas dagegen tun sollte und sei es noch so klein, denn dann kann man ebenso wie Otto Quangel von sich sagen, man hat nicht einfach nur zugesehen.

Jeder stirbt für sich allein wurde direkt nach dem Krieg verfasst und es ist mehr als erstaunlich, wie klar Hans Fallada bereits da die Verhältnisse in Hitler Deutschland zu analysieren wusste. Wäre tatsächlich alles so geheim gewesen und keiner hätte etwas von Konzentrationslagern etc. gewusst, wäre es ihm wohl kaum möglich gewesen. Hans Fallada vermittelt einen wirklichen Blick ins Innere des Systems. Es ist erstaunlich, dass er trotz seines eigenen Gesundheitszustands zu jener Zeit solch ein brillantes und analytisches Werk verfassen konnte. Zurecht finden sich seine Arbeiten heute wieder auf den Bestsellerlisten und können nur jedem ans Herz gelegt werden.

5/5 Schreibmaschinen5WriterHans Fallada, Jeder stirbt für sich allein, Aufbau TB 2012.

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