[Rezension] Das siebte Kreuz

GärtnerinVersailles

„Und wenn er auch nur noch die Kraft für eine einzige winzig kleine Bewegung hatte, auf die Freiheit hin, wie sinnlos und nutzlos diese Bewegung auch sein mochte, er wollte diese Bewegung doch noch gemacht haben.“

Jeder Leser dürfte die Situation kennen, wenn ihn das Gefühl beschleicht, dass das Buch, in welches er versunken ist, zu einem Lieblingsbuch werden könnte. Während er weiterliest, verdichtet sich das Gefühl zur Gewissheit. Er spürt eine merkwürdige Magie, so als würde die Geschichte, die Sätze, die Formulierungen ihn persönlich meinen. Er fühlt sich aufgesogen, verstanden, ergriffen. Die Buchstaben berühren etwas im Inneren, in der Seele. Ein Ton trifft auf einen Resonanzboden. So kann es dem Leser mit Das siebte Kreuz gehen. Es beweist, dass Klassiker nicht ohne Grund als solche bezeichnet werden.

Kurz gesagt, handelt der Roman von der Flucht aus einem Konzentrationslager. Sieben Kreuze werden für die Flüchtigen errichtet. Jeder, der eingefangen wird, soll an einem von ihnen hängen und den anderen Häftlingen vorgeführt werden. Sie sollen abgeschreckt werden. Niemand soll denken, er könnte dem Lager entkommen, es gäbe Hoffnung.

Nach und nach werden die Flüchtigen zur Strecke gebracht. Die Kreuze bleiben nicht kahl und leer…bis auf eins.

Das siebte, das letzte Kreuz.

Dieses Kreuz wartet auf Georg. Georg bleibt auf der Flucht. Viele Menschen, die ihn kannten, hören davon und erinnern sich nun seiner. Aus dem Leben mancher ist er schon lange verschwunden und doch blieb ein unsichtbares Band, das sich jetzt straff zieht oder wieder gezogen wird.

Der Leser erlebt Georgs Flucht aus verschiedenen Perspektiven. Sieben Tage dauert sie, sieben Kapitel hat der Roman. Der Leser begleitet den Flüchtling auf dessen atemloser Hetze. Gleichzeitig erfährt er, was im Lager passiert und mit den anderen sechs Entflohenen. Was denken die Schergen bei ihrem Tun? Auch das erfährt er. Ebenso wie er ehemalige Freunde und Verwandte trifft, die von Georgs Flucht erschüttert werden. Manche begleitet er zu ihren Verhören, andere bei ihren Vorbereitungen für den Fall, dass der alte Freund auftauchen sollte. Aber auch das Leben und die Beweggründe der Menschen, die sich mit dem Regime arrangiert haben, werden beleuchtet.

Anna Seghers hat einen Roman von unglaublicher Tiefe und Sprachgewalt geschaffen. Rund um Frankfurt angesiedelt, zeichnet sich ihre Sprache durch Lokalkolorit aus, was dem Roman zusätzliche Authentizität verleiht.
Es ist beeindruckend, wie sehr die Autorin, das Wesen der Menschen begreift und wiedergeben kann. Innere Vorgänge werden manchmal in nur wenigen Sätzen glasklar umrissen. Man begreift, soweit dies überhaupt möglich ist, wie die unterschiedlichen Gefühlslagen der Menschen damals waren und wie das System der Diktatur funktionierte.

Anna Seghers war als jüdische Schriftstellerin und Kommunistin selbst der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Ihre Bücher wurden verboten und verbrannt. Sie ging mit ihrer Familie ins Exil, wo sie 1938 begann, Das siebte Kreuz zu verfassen. Dabei orientierte sie sich auch an Berichten von Gefangenen des Konzentrationslagers Dachau. 1942 wurde der Roman auf Englisch in den USA verlegt und in einem mexikanischen Verlag auf Deutsch. Wieder mal ist dies eins der vielen Beispiele, dass man auch im Ausland erfahren konnte und hat, wie das „Dritte Reich“ funktionierte und unliebsame Personen behandelte.
1944 wurde die Geschichte mit Spencer Tracy verfilmt und er in der Kategorie „Bester Nebendarsteller“ für den Oscar nominiert.

Selten gibt es Romane, die so stark sind. Dieser hat dem Leser so viel zu sagen und zu geben. Und wird womöglich unvergesslich sein.

5Writer

Anna Seghers, Das siebte Kreuz, Aufbau-Verlag 2000.

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