[Rezension] Jene Tage in Dummsdorf

Lissabon

Drei Frauen, nein eigentlich vier, stehen im Zentrum des Romans. Die Studentin Lucy erhält von ihrer Mutter Suzanne, die gerade von ihrem Ehemann schmählich verlassen wurde, einen Notenkoffer. Darin befinden sich die wenigen Hinterlassenschaften von Suzannes Mutter Claire, die diese jedoch nie richtig kennengelernt hat. Lucy möchte Licht in die Lebensgeschichte ihrer Großmutter bringen und wird durch die neue Nachbarin Alex unterstützt. Gemeinsam lüften sie im Verlauf des Romans das Geheimnis um Jene Tage in Lissabon, die für Claire und ihre drei dort geschlossenen Männerbekanntschaften schicksalhaft wurden und um ein berühmtes Gemälde, das seitdem als verschollen gilt.

Es wird wohl nicht zuviel verraten, wenn erwähnt wird, dass selbstverständlich alle drei Frauen ihre große Liebe finden werden. Wie könnte es anders sein?!
Und um ebenfalls falsche Erwartungen zu dämpfen: Der geschichtliche Aspekt, der durch die Großmutter entstehen soll, ließ unberechtigter Weise hoffen, dass es nicht ausschließlich um die Befindlichkeiten überspannter Frauen gehen würde. Diese Erwartungen erweisen sich allerdings als falsch. Stattdessen fallen dem Leser im Laufe des Lesens Stichworte ein wie „langweilig, lächerlich, prätentiös“ und „von an Frechheit grenzender Oberflächlichkeit“.

Begründung mit leichten Spoilern
Hier müssen zur Veranschaulichung einfach Sätze zitiert werden.

Es passiert so gut wie nichts, obwohl der Eindruck erweckt werden soll. Eigentlich besteht die Geschichte zu 80 Prozent aus Gerede und langweiligen Details. Erst beim „großen Finale“ gibt es ein bisschen Action. Am Ende dümpelt der Roman so langsam aus, wie er die ganze Zeit verlief. Gebetsmühlenartig wird sich darüber ausgelassen wie sich die Frauen kleiden, was sie essen („sonnengereifte Tomaten“ (S. 140)), wie die Flora auf Hawaii aussieht oder sonstige Abschweifungen. All diese überflüssigen Details wirken wie Seitenfüller und verleiten dazu, sie schnell zu überlesen. Sie haben keinerlei Mehrwert, tragen weder zur Atmosphäre noch zur Story bei, noch sind sie wenigstens etwas interessant. Ständig wird Wein getrunken, natürlich nur teurer, und gebadet, nur um am nächsten Morgen direkt wieder unter die Dusche zu steigen. Welchen Sinn letzteres hat, wird allerdings nicht erklärt. Der Schreibstil ist unglaublich oberflächlich und trägt dazu bei, dass die Figuren ebenso erscheinen.

Die Formulierungen wirken teilweise wie aus einem billigen Schundroman entliehen, z.B. „Aus ihren Augen sprach ihr Herz“ (S. 367). Genauso unglaubwürdig sind die Sätze zu denen sich die männlichen Teilnehmer der Geschichte hinreißen lassen bzw. von Eileen Ramsay hingerissen werden. „Seit damals habe ich dich gesucht, Suzanne, überall auf der Welt, und du warst die ganze Zeit hier in St. Andrews.“ (S. 248). Schön dumm von ihm, könnte man sagen. Abgesehen davon ist der Roman auch sonst oft unfreiwillig komisch. So sind Alex’ Eltern bei einem Autounfall gestorben und die ihres Verehrers kamen ebenfalls bei einem Unfall ums Leben (sogar beide-welch’ Zufall) – jedoch beim Flug über einen Vulkan. Und wie? Sie sind zu nah an den Krater geflogen (S. 215)! Unglaublich.
Das man sich nicht lächerlich vorkommt, so etwas dem Leser vorzusetzen. Offenbar hat die Autorin keine Antenne für Humor, denn es werden Sätze z.B. von Suzanne als humorvoll hervorgehoben, die es beim besten Willen nicht sind.

Außerdem ist die Geschichte vielfach schlichtweg unlogisch oder widersprüchlich. Beispiele gibt es zuhauf. Alex hält es einmal ernsthaft für möglich, dass ihr Angebeteter einen Mordanschlag verübt haben könnte. Als sich wenig später die Frage stellt, wer einen Diebstahl begangen haben könnte, lehnt sie dies für ihn aber vehement ab.

Offenbar verliert Eileen Ramsay auch sonst gerne die Übersicht und Fehler schleichen sich ein. Es gibt häufig Wiederholungen des Gesagten und teilweise scheint der Autorin selbst nicht mehr klar zu sein, welcher der Beteiligten etwas weiß oder nicht. Unweigerlich geht es dem Leser irgendwann ebenso. Abgesehen davon wirkt es sich überaus ermüdend aus.
Auch sagen die Charaktere Dinge über sich, die gar nicht zu ihrer Person sondern zu einer anderen passen (S. 200). Dann wieder werden Zusammenhänge hergestellt, ohne dass diese schlüssig hergeleitet werden können. So wird Lucys neue Liebe angefahren und prompt ist sicher, dass es mit dem verschollenen Bild zu tun haben muss. Beweise gibt es jedoch keine. Hin und wieder hält sich die Autorin für besonders pfiffig und lässt offensichtliche Ungereimtheiten von ihren Figuren ansprechen. Diese zu erwähnen, heißt aber nicht, dass sie damit nicht mehr ins Gewicht fallen. Einmal meint Lucy, dass alles sei ja wie im Roman. Ach wie Recht sie doch hat. Es wirkt absolut über- bzw. unterkonstruiert.

Teilweise sind die Sätze oder das gezeigte Frauenbild einfach zum laut Loslachen (wenn es nicht so traurig wäre) oder zum Kopfschütteln. Letzteres scheint direkt aus den 50ern importiert worden zu sein und doch spielt der Roman in der Gegenwart und wurde erst 2011 veröffentlicht.
Viele Klischees finden sich wieder, sind allerdings vollkommen ernst und nicht etwa ironisch gemeint. Wenn die Frauen ausnahmsweise nicht an ihre Schönheit denken, muss das gleich besonders hervorgehoben werden. „Sie vergaß die Schmerzen und die Tatsache, dass sie frühestens in einigen Wochen wieder halbwegs passabel aussehen würde…“ (S. 367). Was für eine Leistung. Haha. Auf die Frage, wer den Joghurt erfunden haben könnte, wird automatisch davon ausgegangen, dass es eine „Sie“ gewesen sein muss. Achja, nur Frauen kochen… (S. 294). Wenn ein Mann sich dennoch in die Küche verirrt, wird sogleich angemerkt, dass er sich gar nicht mal so dämlich anstelle. Die weiblichen Wesen, auch wenn sie über 30 bzw. 60 sind, werden gerne mal als „Mädchen“ betitelt. Lassen diese dann einmal die Zurückhaltung fallen und werden etwas, wohlgemerkt etwas, mutiger, wird das gleich als etwas Besonderes dargestellt. Lucy schlägt beispielsweise vor, ihren Schwarm später erneut in seiner Galerie aufzusuchen und „…errötete über ihre Verwegenheit“ (S. 289). Wo ist denn da bitte etwas verwegen oder zum Erröten? Als würde man ihn deshalb gleich zu wer-weiß-was auffordern…

Auch sonst ist der Roman realitätsfern. Unter anderem wird ein merkwürdiges Bild der Geschichtswissenschaft bzw. des Studiums vermittelt. Lucys Vorschlag, das Schicksal der Großmutter zum Thema ihrer Doktorarbeit zu machen, würde in der Form niemals zugelassen werden. In der Vergangenheit schreibt Claires jüdischer Freund ganz offene Briefe nach Wien, obwohl vorher noch erwähnt wird, dass dort Zensur herrscht. Suzanne, die kurz zuvor angeblich noch so unter der Trennung von ihrem Ehemann gelitten hat, kommt dann doch sehr schnell darüber hinweg. Unrealistischer Weise finden alle (!) drei Frauen die große Liebe und alles ist Friede, Freude, Eierkuchen. Die Gegenstücke sind natürlich ebenfalls völlig hingerissen.
Hoffentlich gibt es solche Personen wie die dargestellten nicht im richtigen Leben. Die so übervorsichtig sind wie Suzanne, so eingebildet wie Alex, so nervig wie Lucy oder so oberflächlich wie jede von ihnen. So stellt Alex eine Gästeliste zusammen, um diese dann mit „… ein scheußlicher Haufen!“ (S. 41) zu kommentieren. Da lernt man fast, Charaktere zu hassen.

Genug gemeckert. Etwas Positives soll dann doch noch in die Waagschale geworfen werden. Das Cover ist sehr hübsch und atmosphärisch. Leider hat es nichts mit der Geschichte oder ihrer Atmosphäre zu tun.

Wer einen Roman sucht, der einen spannenden Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart spannt, sollte lieber zu Kate Mortons Romanen greifen. Wer hingegen nichts gegen eindimensionale Charaktere und eine oberflächliche, langweilige und unglaubwürdige Story einzuwenden hat, dem wird dieser Roman vielleicht gefallen.

Mit Jene Tage in Lissabon begibt man sich in flaches Gewässer. Das Motto ist „seicht, seichter, am seichtesten“.

1Writer

Eileen Ramsay, Jene Tage in Lissabon, Bastei Lübbe 2011.

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3 Gedanken zu „[Rezension] Jene Tage in Dummsdorf

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