[Rezension] The Gracekeepers

TheGracekeeper

Die Oberfläche der Erde ist bis auf einige Inseln von Wasser bedeckt. Dementsprechend teilt sich die Bevölkerung in Landbewohner und in jene, die ihr Leben auf See verbringen.

Das Zirkusschiff Excalibur reist von Insel zu Insel, abends wird der Zirkus aufgebaut und die Vorstellung beginnt. Clowns und Pferde, Akrobaten und Tänzer unterhalten das Publikum, doch die Attraktion bildet das Mädchen North mit ihrem Bären. Denn diese wilden, anscheinend unzähmbaren Tiere sind sehr selten geworden und faszinieren das Publikum daher umso mehr.

Überzeugt, sich schuldig gemacht zu haben, hat die junge Callanish sich entschieden, ein gracekeeper zu werden. Als solcher besteht ihre Aufgabe darin, Seebestattungen durchzuführen. Doch das zurückgezogene Leben hilft ihr auch, zu verbergen, dass sie mit besonderen Merkmalen geboren wurde.

Ein Sturm führt Callanish und North zusammen und beide spüren, das es ein Neubeginn sein könnte. Doch ganz so einfach wird er nicht zu erreichen sein.

Kirsty Logans Debütroman bietet einen gelungenen, fast poetischen Sprachstil, der ein erwartungsgemäß gemächliches Tempo anschlägt. Manch treffender Satz über die großen Themen des Lebens taucht erfreulich beiläufig auf.
Leider entsteht bald der Eindruck, die Sprache sei reiner Selbstzweck. Denn die schönste Verpackung nützt nichts, wenn der Inhalt bzw. in diesem Fall die Geschichte nicht mithalten kann. Werden Plot und Stil getrennt, dann trennt sich gleichzeitig die Spreu vom Weizen. Die Sprache impliziert eine tiefgründige Geschichte, doch stattdessen entpuppt die sich als prosaisch. Das fantastische Setting verspricht ebensolche Ideen für den Plot, doch der entspricht einer (schlechten) Seifenoper. Eifersucht, fehlgeleitete Ambitionen, Verlust, Betrug, Schuldgefühle, Hoffnung, Glück – wichtige und bewegende Themen, die andernorts jedoch vielfach spannender und berührender umgesetzt werden. Hier münden sie lediglich in der Frage, wer wie mit wem zusammenfindet.

Weder die unendlichen Möglichkeiten ihrer imaginären Welt noch die darin befindlichen Menschen lotet Kirsty Logan zufriedenstellend aus.
Die Beschreibung des Settings bleibt verblüffend eindimensional. Statt originelle Ideen wie den Zirkus, ein Schiff voller Heilsbringer oder mysteriöse Wasserwesen auszustaffieren, werden sie ideenlos beschrieben oder beiläufig abgehandelt. Selbst der allgegenwärtige Ozean wird nicht in seinen Facetten gewürdigt. Wie sich beispielsweise das Wasser oder das Licht je nach Wetterlage verändert. Auch Lebensgeschichten, Gefühle, Motive und Ziele werden lediglich angeschnitten, aber nicht ergründet. Wechselnde Erzähler geben durchaus neue, aufschlussreiche Einblicke. Doch einerseits rekapitulieren sie meist, statt zu agieren. Andererseits verlaufen viele Hinweise vollständig im Sande. Sogar die tiefe Verbundenheit zwischen den vermeintlichen Hauptfiguren North und Callanish wird nicht glaubhaft transportiert. Wenn Gefühle nur benannt werden, sich aber kaum in Gesten oder Blicken widerspiegeln, dann mindert das sowohl Glaubwürdigkeit als auch Lesefreude. Wenn Details fehlen, Sinneseindrücke kaum beschrieben werden, dann bleibt die Erzählung statisch. Wenn Nebensächlichkeiten ausgeführt, Wende- und dramatische Höhepunkte jedoch wie nebenbei abgehandelt werden, dann bleibt der Leser emotional unbeteiligt.

Konsequenter Weise findet der Leser auch keinen Bezug zu den Figuren, kann nicht mit ihnen fühlen. Ihr Schicksal lässt ihn seltsam unberührt. Dazu trägt ebenfalls bei, dass North und Callanish zwar sympathisch, aber nicht mehrdimensional oder gar faszinierend sind. Dies trifft am ehesten auf den Zirkusdirektor und seine Frau zu. Allerdings nur im Vergleich zu den übrigen Figuren, nicht aber wenn die Helden der Weltliteratur ins Spiel gebracht werden. Doch beide verfolgen immerhin konkrete Ziele und fungieren damit als eigentliche Motoren der Geschehnisse. Zum Ende nimmt die Handlung tatsächlich noch etwas Fahrt auf, was sich auf den Gesamteindruck jedoch nicht mehr positiv auswirkt.

Insgesamt sieht eine fesselnde Erzählung leider anders aus. Fast scheint es, als verweigere die Autorin ihrer Schöpfung das letzte Quäntchen Liebe und Sorgfalt, um sie tatsächlich zum Leben zu erwecken. Ob es sich dabei um Vorsatz oder schlichtes Unvermögen handelt, lässt sich nicht erkennen. Die zahlreichen Chancen, sich kreativ auszuleben, bleiben in jedem Fall ungenutzt. So ist ein Roman entstanden, der mehr verspricht als es halten kann. Ein Debüt, das sein großes Potenzial nur anklingen, dann ungenutzt verstreichen lässt und dies mit vordergründiger Tiefgründigkeit zu überdecken versucht. Dass sich zwei Frauen lieben, soll vielleicht progressiv sein, ist es aber heutzutage nicht mehr. Sogar das Ende bleibt seicht und bestätigt diese Wahrnehmung noch einmal.

The Gracekeepers ist wie ein Boot ohne Steuermann. Je nachdem aus welcher Richtung und wie stark der Wind weht, wird es hierhin und dorthin getrieben. Meist dümpelt es gemütlich vor sich hin, ab und an streift es sanft ein Hindernis. Es bleibt immer schön an der sicheren Oberfläche, die Tiefe darunter wird kaum beachtet. Selten taucht eine große Welle auf, die das Boot kurz in die Höhe zieht, nur um es genauso schnell unbeschadet wieder abzusetzen. Letztendlich läuft das Gefährt irgendwo ans Ufer und die Insassen reiben sich verwundert die Augen, dass sie nicht wie versprochen auf dem Meer, sondern nur auf einem kleinen See unterwegs waren.

2 Schreibmaschinen, weil die Ideen und die Sprache vielversprechend sind.

2Writer

Kirsty Logan, The Gracekeepers, Vintage 2016.

Der Roman wurde im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks vom Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank, dass ich mitlesen durfte.

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