[Rezension] Englische Liebschaften

Englische Liebschaften

Nancy Mitford erzählt aus der Sicht von Fanny die Geschichte/n der Familie Radlett im England der Zwanziger und Dreißiger Jahre. Die Familie gehört dem Landadel an und lebt in einem alten, ungemütlichen Herrenhaus.

Fanny besucht Ihre Tante Sadie, Onkel Matthew und deren zahlreichen Kinder regelmäßig und wird Zeuge ihrer Werdegänge. Alle tragen exzentrische Eigenschaften zur Familiendynamik bei und dementsprechend turbulent und außergewöhnlich sind ihre Lebenswege. Fanny steht ihrer Cousine Linda besonders nah und so wird die auch zur Hauptfigur des Romans. Sie sehnt sich nach der großen Liebe und auf der Suche danach muss sie den ein oder anderen Frosch küssen.

Der Titel des Romans ist ein wenig irreführend. Obwohl Lindas Liebschaften den roten Faden liefern, werden doch die Geschicke aller Familienmitglieder beschrieben. Diese erleben nicht nur unbeschwerte Zeiten und Liebschaften, denn der nahende Krieg wirft seinen Schatten auch auf die Radletts.

Die Stärke des Romans liegt ausgewiesener Maßen in dem wunderbar ironischen und lakonischen Schreibstil. Es gibt zahlreiche witzige, treffende Formulierungen, die durchgehend unterhalten. Ein weiterer Stützpfeiler sind die exzentrischen Figuren.
Insgesamt wirkt es, als würde das Leben der Radletts eher in Anekdoten erzählt als in einem kohärenten Plot. Dies ist aber keinesfalls negativ, sondern trägt dazu bei, dass Englische Liebschaften ein leichtes, amüsantes Werk ist.

Obwohl Fannys Perspektive dem Leser eine etwas distanzierte und sachliche Sicht auf Linda und die Radletts ermöglicht, überträgt sich andererseits ihre Sympathie für die Familie. Außerdem lernt der Leser die Figuren mit ihren Eigenheiten kennen und schätzen und durchlebt die Widrigkeiten des Lebens mit ihnen. Deshalb ist das Ende überraschender Weise trotz des leichten Gesamteindrucks des Romans recht berührend.

Zusätzliche Würze erhält Englische Liebschaften durch seinen Bezug zur realen Familie Mitford, die ebenfalls reichlich exzentrische Mitglieder hervorbrachte und von mehr oder weniger skandalösen Geschichten begleitet wurde. So bot Nancys Vater mit seinen zahlreichen Marotten offensichtlich die Vorlage für Onkel Matthew. Das hat sicherlich auch die damaligen Leser angesprochen, denn sie erhielten so Einblicke in eine Familie, die aus den Klatschseiten der Zeitungen jener Zeit bekannt war. Nachdem der Roman erschienen war, wurde er auf jeden Fall schnell ein Erfolg.

Insgesamt bietet Englische Liebschaften solide Unterhaltung und amüsante Einblicke nicht nur in ihre Familie, sondern in die englische Upper Class, die mit exzentrischen und mitreißenden Charakteren aufzuwarten weiß. Political Correctness nicht eingeschlossen.

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Nancy Mitford, Englische Liebschaften, Ullstein Taschenbuch Verlag 2013.

 

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