[Rezension] Die dunklen Mauern von Willard State

WillardState

Izzy soll ihren Pflegeeltern helfen, die Koffer früherer Psychiatriepatienten zu katalogisieren. Dies fördert Gefühle und Erinnerungen zutage, die sie bisher versuchte, zu verdrängen. Denn ihre Mutter erschoss vor Jahren ihren Ehemann und Izzy glaubt, dass dafür nur eine Geisteskrankheit verantwortlich sein kann. Und sie fürchtet, diese womöglich geerbt zu haben. Außerdem macht ihr die Situation an ihrer neuen Schule zu schaffen, wird sie doch von einigen Mitschülerinnen gemobbt. Während ihrer Arbeit in Willard State Asylum stößt sie auf den Besitz der ehemaligen Patientin Clara Cartwright. Auch ein Tagebuch ist unter den Gegenständen. Izzy möchte mehr über das Schicksal der jungen Frau erfahren und beginnt zu recherchieren.

Ellen Marie Wiseman hat sich von dem real existierenden Willard State und seiner Vergangenheit inspirieren lassen. Entstanden ist ein Roman, der Realität und Fantasie geschickt zu einer spannenden und sehr berührenden Geschichte verbindet. Dabei wechselt die Perspektive zwischen Izzy und Clara. Somit sind es eigentlich zwei Geschichten, die erst gegen Ende zusammengeführt werden. Die Autorin zeichnet die Charaktere und ihre Situation sehr einfühlsam nach. Der lebendige Sprachstil ist gefällig und trägt den Leser leichtfüßig durch die Handlung. Diese hält nicht wenige Überraschungen bereit und zahlreiche Gelegenheiten mit den Protagonistinnen mitzufühlen. Ihre Glanzleistung liefert Wiseman jedoch mit der Darstellung der Zustände in der psychiatrischen Klinik ab. Diese werden düster und eindringlich zum Leben erweckt. Die gequälten Patienten, die entwürdigenden Prozeduren, die erbarmungslosen Zustände und das mitleidlose Personal werden eindrücklich beschrieben. Die Härte und Aussichtslosigkeit der Situation, in welcher sich die Insassen befinden, werden spürbar.

Es gibt nur wenige Aspekte, die etwas negativ auffallen. Zum einen wird den Protagonistinnen in schöner Regelmäßigkeit übel und dieser Vorgang mehr oder weniger ausgiebig beschrieben. Zum anderen ist die Erklärung für den von Izzys Mutter verübten Mord in der Literatur derzeit sehr gängig und daher ziemlich abgedroschen. Eine einfallsreichere Variante wäre nett gewesen. Außerdem ist es schade, dass die Autorin keine weiteren Informationen zu Claras Eltern liefert. So bleiben sie schemenhafte Nebenfiguren, die ihre Funktion erfüllen, deren Umgang mit Claras Schicksal aber leider nicht gezeigt wird.

Alles in allem ist Die dunklen Mauern von Willard State sehr gelungen und bietet trotz der schweren Themen spannende Unterhaltung. Dabei überzeugen vor allem die Hauptfiguren durch Stärke und Durchhaltevermögen auch in aussichtslosen Situationen.

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Ellen Marie Wiseman, Die dunklen Mauern von Willard State, Piper 2015.

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