[Rezension] Als Mädchen im Warschauer Ghetto

JaninaBauman

In ihrem Buch erinnert sich Janina Bauman vierzig Jahre später an ihre Zeit Als Mädchen im Warschauer Ghetto. Ergänzt durch Tagebucheintragungen wird der Weg, den sie mit ihrer Mutter und Schwester ins Ghetto und später in den Untergrund außerhalb der Ghettomauern nahm, akribisch nachgezeichnet. Immer wieder müssen die Frauen um ihr Leben und das ihrer Verwandten bangen, immer neue Verstecke suchen, mit Kollaborateuren, Hunger und Krankheiten fertig werden. Der Bericht endet mit dem Krieg und wird durch einen kurzen Nachtrag ergänzt.

Janina Bauman ist eine sehr begabte Erzählerin und ihr einnehmender Sprachstil nimmt den Leser mit in eine noch nicht allzu ferne und grausame Vergangenheit. Er lernt ihre Lebensumstände und Familie kennen und wie sich alles mit der Invasion der Deutschen zum Schlechten verändert. All das wird sehr lebendig, einfühlsam und auch interessant beschrieben. Obwohl es immer wieder lebensgefährliche Situationen gab, befand sich Janina Bauman nichtsdestotrotz in einer privilegierten Position. Über weite Strecken besaß die Familie finanzielle Mittel, um zu überleben. Während auf den Straßen des Ghettos Menschen verhungerten, konnte Janina Unterricht nehmen und sogar seltene Feste mit ihren Mitschülern feiern. Die Bekanntschaft und Verwandtschaft war groß und man half sich gegenseitig, wo es ging. Besonders die Verbindung zu einer nichtjüdischen Bekannten war über-lebenswichtig. Als sie mit Mutter und Schwester außerhalb des Ghettos untertaucht und die Verstecke häufig wechseln muss, finden sie glücklicherweise immer wieder Obdach. Auch müssen die Frauen sich immer nur für kurze Zeit trennen. Dies schmälert nicht die Grausamkeiten, die sie erfahren mussten, hebt aber die Unterschiedlichkeit der Lebenssituationen und Erfahrungen der Ghettobewohner hervor.

Die Autorin ist sehr ehrlich und erzählt auch Dinge, die ihr nicht immer zum Vorteil gereichen. Sie war damals ein junges Mädchen und hat nicht immer so gehandelt, wie sie es vielleicht Jahrzehnte später getan hätte. Manchmal ist sie einfach unvorsichtig, hin und wieder ist ihr Handeln nicht ganz nachvollziehbar oder wirkt sogar ein bisschen unsympathisch. So behält sie ein Amulett, das sie von einem Jungen geschenkt bekommen hat, während ihre Mutter Schmuckstücke verscherbeln muss, die von ihrem toten Ehemann stammten. Selbstverständlich obliegt es dem Leser nicht, Janinas Handeln zu bewerten, denn niemand kann sie auch nur annähernd vorstellen, wie man selbst in derartigen Ausnahmesituationen agieren würde. Andererseits zeigen ihre ehrlichen Beschreibungen, dass sie ein Mensch wie jeder andere ist. Der Holocaust machte niemanden zu einem Heiligen. Vielmehr haben Menschen nun einmal Fehler, verhalten sich irrational oder auch unverständlich. Und genau dieser Umstand und der freimütige Umgang damit, vergrößern die Nähe zwischen ihr und dem Leser. Er kann sich noch mehr mit ihr identifizieren und besser verstehen, wie sich die Autorin als junges Mädchen in solchen Ausnahmesituationen gefühlt hat.
Darüber hinaus zeigt der Bericht eindrücklich, wie sehr das Geschick der Verfolgten von den polnischen Mitbürgern abhing. So gab es viele, die ihnen hilfreich zur Seite standen, aber auch sehr viele, denen das Schicksal der Untergetauchten egal war, die sie bestahlen oder vor Denunziation nicht zurückschraken.

Jeder Erfahrungsbericht aus der Zeit des Nationalsozialismus und über den Holocaust ist von großer Bedeutung. Jeder Mensch hatte mit individuellen Voraussetzungen und Problemen umzugehen. Jedes Schicksal hat seine eigene Geschichte. Jedes hat ein Anrecht darauf, gehört und anerkannt zu werden. Janina Bauman schenkt der Welt einen sehr persönlichen, einfühlsam und lebendig erzählten Bericht von ihren Jahren Als Mädchen im Warschauer Ghetto. Der Leser wird sich sicher noch häufig daran erinnern.

4/5 Schreibmaschinen

4Writer

Janina Bauman, Als Mädchen im Warschauer Ghetto, Bastei Lübbe 1986

Es gibt jedoch Neuauflagen.

 

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2 Gedanken zu „[Rezension] Als Mädchen im Warschauer Ghetto

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