[Rezension] Die Stadt

DieStadt

Benjamin Hartmann ist tot. Die letzten Sekunden seines Lebens verstrichen auf einer Straße. Das jedenfalls glaubte er bis er sich plötzlich auf einer anderen Straße wiederfindet. In einer fremden Stadt. Was ist mit ihm geschehen? Ist er gar nicht gestorben? Oder sieht so etwa das Jenseits aus?

Die Grundidee besticht gleichermaßen durch Einfachheit und Einfallsreichtum.

Was wäre, wenn nach dem Tod keines der durch die Religionen versprochenen Jenseits-Modelle in Kraft tritt, sondern eine Nachwelt, die der unseren ähnelt? Und was genau unterscheidet beide Welten? Oder stellt die Stadt eine ganz eigene Art von Himmel oder Hölle dar? Eine vielversprechende Prämisse, die wirklich neugierig macht.

Leider hapert es an der Umsetzung der Möglichkeiten. Zum einen ist die Geschichte keineswegs so ereignisreich wie die hohe Seitenzahl suggeriert. Manche Ideen wirken außerdem allzu prosaisch (Apfelkerne als bewusstseinserweiternde Droge), sind surreal (Personen aus Glas) oder ihr Sinn nicht dargelegt (Personen aus Glas). Zum andern erinnert sie über weite Strecken an ein Computerspiel. Die Spielfigur muss durch ein wechselndes Setting geführt werden. Sie muss sich vor feindlichen Kreaturen in Acht nehmen, Rätsel lösen und Herausforderungen meistern. All das wirkt wie am Reißbrett entworfen: schematisch und aseptisch. Benjamin Hartmanns Gefühl in einer konzipierten Realität zu stecken, erfasst auch den Leser. Niemals entsteht der Eindruck, als würde die Geschichte einen natürlichen, sich bedingenden Verlauf nehmen. Selbstverständlich sind alle literarischen Werke Konstrukte ihrer Autoren. Allerdings besteht doch die Kunst darin, dem Leser vorzugaukeln, die Geschichte entwickele sich aus sich selbst heraus. Als ergebe sich mühelos eins aus dem anderen. Andreas Brandhorst schafft dies allerdings nicht.

Statt dem Protagonisten und damit dem Leser Hinweise zu liefern, die er verfolgen kann, werden nur wenige und dazu noch unverständliche Andeutungen gemacht. Der Leser wird nicht angeregt, dies oder jenes zu hinterfragen und kann sich keinen eigenen Reim machen. Und statt Hintergründe sukzessive darzulegen, entscheidet sich der Autor für die einfachste aller Methoden. Er lässt am Ende einfach eine Figur lang und breit die Zusammenhänge erklären. Dieses Vorgehen ist schlichtweg einfallslos und belegt abermals die Schwächen des Plots.

Auch inhaltlich überzeugt das Ende bzw. die Erklärung nicht. Die große Frage, was es mit Der Stadt auf sich hat, lässt den Leser trotz aller Stolpersteine und der hohen Seitenzahl weiterlesen. Und all die gelesenen Seiten und die investierte Zeit, sollen bitte keine verlorene Liebesmüh gewesen sein, hofft er. Also schlägt er sich bis zum Ende durch, doch statt sein Durchhaltevermögen zu belohnen d.h. ihn zu verblüffen, wird er schließlich mit der denkbar einfachsten Erklärung abgefertigt. Der Versuch, diese Tatsache mit pseudo-physikalischen, -philosophischen und -spirituellen Begrifflichkeiten zu verdecken, ist mehr als offensichtlich. Für den Autor ist es vielleicht ein zufriedenstellender Abschluss seiner Geschichte. Für den Leser ist es alles andere als das. Hat er nicht gerade einen ausgeprägten Hang zur wissenschaftlichen Schwafelei, dann fühlt er sich wahrscheinlich nicht nur leicht auf den Arm genommen, sondern gehörig verschaukelt.

Erschwerend wirkt sich außerdem aus, dass keine Bindung zwischen Leser und irgendeiner der gezeigten Personen entstehen will. Nicht einmal der Protagonist vermag Interesse zu wecken, geschweige denn so etwas wie Empathie. Am Ende könnte das im Fall von Benjamin sogar Absicht gewesen sein, bremst aber nichtsdestotrotz die Bereitschaft des Lesers, sein Schicksal zu verfolgen.

Die Sprache entwickelt keine eigene Melodie, wirkt teilweise hölzern und belohnt nur selten mit treffenden, nachklingenden Formulierungen.

Insgesamt überzeugen weder die Geschehnisse noch die Figuren oder die finale Erklärung. Ganz zu schweigen von einem fesselnden Effekt. Das anfängliche Wohlwollen des Lesers wird zunehmend bestraft und seine Bereitschaft, weiterzulesen, strapaziert. Je mehr die Geschichte fortschreitet, desto mehr sinkt das Lesevergnügen und der Wille zur positiven Bewertung. Außerdem hätten immense Kürzungen dem Plot gutgetan. Die Stadt ist wohl nur geeignet für Leser, die sich an ihrem eigenen Intellekt berauschen möchten und sich wenig um den tatsächlichen Gehalt der Geschichte kümmern.

Zur Mitte des Buches waren es noch 3 Schreibmaschinen, dann 2 und am Ende reichte es gerade noch zu 1 Schreibmaschine für die Grundidee.

1/5 Schreibmaschinen

1Writer

Andreas Brandhorst, Die Stadt, Heyne 2011.

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