[Filmkritik] Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft

Genius

Darsteller: Jude Law, Colin Firth, Nicole Kidman, Laura Linney, Guy Pearce, Dominic West u.a.

Dauer: 104 Min

Genre: Biopic, Drama

Lektor Maxwell Perkins zählt Literaten wie F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway zu seinen Entdeckungen. Eines Tages erhält ein außergewöhnliches Manuskript, dass überall abgelehnt wurde. Viele Seiten, lange Absätze und dennoch ist Perkins überwältigt und entschließt sich, es zu verlegen. Aufgrund des großen Umfangs sind drastische Kürzungen nötig und so beginnt die Zusammenarbeit zwischen Perkins und Thomas Wolfe. Eine Arbeit, die beide auf ihre Weise fordert und trotz aller Unterschiede eine tiefe Freundschaft entstehen lässt.

Die Besetzung ist bis in die Nebenrollen hochkarätig. Da der Fokus auf der Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen Lektor und Autor liegt, müssen Jude Law und Colin Firth die Geschichte tragen. Diese Aufgabe erfüllen sie erwartungsgemäß hervorragend. Vor allem besticht Jude Laws Darstellung des energetischen, etwas exzentrischen, manchmal fast manischen Thomas Wolfe. Er lässt erahnen, wie der Literat auf die Menschen seiner Umgebung gewirkt haben muss. Denn auch, wenn er sie häufig vor den Kopf gestoßen und genervt haben muss, hat er wohl stets unverstellt sein Innerstes nach Außen gekehrt. Im Guten wie im Schlechten. Hat sie mit seiner Leidenschaft angesteckt und (wie im Film gesagt wird) spüren lassen, was es heißt lebendig zu sein. Colin Firth spielt seine Paraderolle des zugeknöpften, reservierten Mannes, der seine Gefühle zu beherrschen weiß. Nur wenige Szenen bieten ihm Gelegenheit, aus dem Korsett auszubrechen. So gewährt Perkins Verhalten gegenüber seinen Töchtern einerseits einen guten Einblick in sein Wesen. Andererseits fällt manche Charakterisierung sehr vordergründig/einfallslos aus, z.B. wenn die Töchter ihn Vater ein wenig herablassend mit „Maxwell“ ermahnen oder er immer Hut trägt. Es ist Firths Können anzurechnen, dass Maxwell Perkins als lebendiger Mensch glaubhaft und einprägsam wird. Genius vermittelt nicht nur einen Eindruck der beiden so unterschiedlichen Menschen. Darüber hinaus wird die individuelle Arbeit von Autor und Lektor wie auch ihre Zusammenarbeit veranschaulicht. Auch ihre Zweifel an sich selbst und dem anderen werden thematisiert. So fragt Perkins sich, ob er als Lektor ein Werk nicht lediglich verändert statt zu verbessern. Und Wolfe hadert mit Stimmen, die seinen Erfolg allein seinem kongenialen Lektor zuschreiben.

Auch Guy Pearce als F. Scott Fitzgerald und Dominic West in der Rolle Ernest Hemingways überzeugen trotz weniger Szenen. Obwohl Hemingway nur  eine Szene hat, bildet er einen geerdeten, naturverbundenen Gegenentwurf zum ekstatischen Wolfe. Fitzgerald spiegelt wiederum dessen mögliche Zukunft wider. Denn genauso wie er wurde er als Genie gefeiert. Dies führte jedoch zu einer Schaffenskrise, die seine Kreativität und Produktivität nahezu versiegen ließ.

So interessant die männlichen Hauptfiguren erscheinen, so sehr verharren die weiblichen an der Oberfläche. Wieder ist es nicht verwunderlich, dass sie relativ wenige Szenen bestreiten. Wie die Beispiele Fitzgerald und Hemingway jedoch beweisen, kann das nicht begründen, warum sie derart blass und holzschnittartig bleiben. Nicole Kidmans Rolle der Geliebten und Förderin Wolfes birgt zwar eine größere Bandbreite als die von Maxwells Ehefrau (Laura Linney). Allerdings schenkt Kidman der Figur wenig Glaubwürdigkeit. Dies mag auch dem Drehbuch geschuldet sein, denn Aline Bernstein und Wolfes gegenseitige Abhängigkeit wird zu wenig szenisch nachvollzogen. Sie findet in Dialogen statt, wird aber nicht emotional vermittelt. Dasselbe trifft auf ihre latente Eifersucht und Antipathie gegenüber Maxwell zu, so dass Bernstein oftmals einfach nur überspannt und bisweilen hysterisch erscheint. Später treten tatsächlich Situationen ein, in denen Wolfe sie zugunsten seiner Arbeit vernachlässigt, aber zu diesem Zeitpunkt steht die Meinung des Zuschauers zu Aline Bernstein längst fest. Außerdem funktionieren Kidman und Law als Liebespaar weitaus weniger (gar nicht) als noch in Unterwegs nach Cold Mountain.

Am wenigsten überzeugt allerdings Laura Linney. Anscheinend möchte sie Maxwells Ehefrau noch farbloser darstellen, als es das Drehbuch ohnehin vorgibt. Obwohl Louise selbst ein Theaterstück schreibt, scheint sie keinen Anteil am Wirken ihres Mannes zu nehmen. So gibt es weder ein Gespräch über die Arbeit mit Tom oder dessen explosives Wesen. Sie hält sich vornehm im Hintergrund, wirkt geradezu altbacken und scheint trotz Unstimmigkeiten brav zu tun, was von ihr erwartet wird. In einem Gespräch mit Aline blitzt dann doch so etwas wie eine eigene Meinung auf, allerdings nur, um sich als sehr konventionell herauszustellen. Zweifelsohne kann dies dem historischen Vorbild entsprechen, trägt aber wenig zur Geschichte des Films bei. Im besten Fall kontrastiert sie Alines Verhalten.

Blass bleibt ebenfalls der Soundtrack. Es gibt zwei, drei Szenen, in denen die Musik eine bestimmende Rolle übernimmt. Ansonsten unterstreicht sie kaum die Atmosphäre. Es scheint fast als sei der Film über weite Teile überhaupt nicht musikalisch unterlegt. In Zeiten der Dauerbeschallung kann dies zwar durchaus positiv gesehen werden. Andererseits kann es genauso bedeuten, dass Musik zwar vorhanden aber nicht prägnant genug ist. Der Film hätte auf jeden Fall noch an emotionaler Stärke gewinnen können, wären die musikalischen Möglichkeiten stärker und besser genutzt worden.

Dafür ist die visuelle Umsetzung hervorzuheben. Die Ausstattung stimmt bis ins kleinste Detail. Außen- und Innenansichten der Gebäude sowie die Stadtbilder stimmen und vermitteln das Flair der Zeit.

Allerdings lässt die Inszenierung vielfach den Schliff vermissen. Ein Beispiel sind die zwei Jahre, in denen die Freunde Wolfes Roman Von Zeit und Fluss bearbeiten, die in einer schnellen Abfolge von Bildern abgehandelt werden. Vorteil ist, dass das Erzähltempo nicht nachteilig gedrosselt wird. Anderseits werden die Schwierigkeiten und die lange Dauer der Arbeit nicht fühlbar. Ein anderes Beispiel bietet die mitunter platte Symbolik. So trägt Maxwell die ganze Zeit über Hut, den er erst in der ergreifendsten Szene vom Kopf zieht. Die Bedeutung ist so offensichtlich und schlicht, dass sie sich gänzlich verliert. Ebenso verhält es sich mit Wolfes Aufstampfen. Der wiederkehrende Strom der Fußgänger wirkt sinnträchtig, bietet aber keinen Mehrwert. Und warum sehen Thomas Wolfes Hände stets schmuddelig aus? Sollen sie seine fehlende Selbstdisziplin unterstreichen? Unnötig, denn die lässt sich besser an seinen ausufernden Texten ablesen. Oder sollen seine Finger für seine ungeschliffene, unverstellte Art stehen? In diesem Fall würden Jude Laws darstellerische Fähigkeiten wirklich immens unterschätzt.

Genius lebt durch die Gegensätze der beiden Protagonisten, wie sie sich dennoch oder gerade deswegen ergänzen und so schließlich zeitlose Werke erschaffen können. Jude Law und Colin Firth tragen die Geschichte über Schwächen in Inhalt und Ausführung hinweg und schenken ihren Figuren eine nachhaltige Wirkung. Wenn es der Film außerdem schaffen sollte, Menschen für Wolfes Werk zu interessieren, wurde ohnehin alles richtig gemacht.

7/10 Tickets

 7Tickets

4 Gedanken zu „[Filmkritik] Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft

  1. ravenking81

    Eine sehr ausführliche und informative Kritik zu einem Film, der bereits mein Interesse geweckt hatte, auch wenn ich bisher noch nichts von Thomas Wolfe gelesen habe. Ins Kino werde ich dafür wohl nicht gehen, aber ich habe ihn mir für die Zukunft vorgemerkt.

    Gefällt 1 Person

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