[Rezension] Familie der geflügelten Tiger

GeflügeltenTiger

Am 4. Oktober 1989 verschwindet Johannas Vater Jens. Ihre Mutter Astrid geht davon aus, dass er „rüber gemacht“ hat. Als kurz darauf eine Postkarte aus West-Berlin eintrudelt, fühlt sich sich bestätigt. Doch obwohl die Mauer wenig später fällt, lässt er sich nicht mehr blicken. Als Johanna neunzehn ist, kehrt Jens mit einer nüchternen Nachricht auf dem Anrufbeantworter zurück in ihr Leben. Obwohl sie eigentlich kein Bedürfnis nach einem Wiedersehen hat, möchte sie ergründen, warum er sich all die Jahre nie bei ihr hat blicken lassen.

Familie der geflügelten Tiger bleibt nah am Alltagserleben seiner Protagonistin, begleitet sie Schritt für Schritt durch ihre Geschichte und vermittelt ihre Interpretation des Geschehens. Dadurch bleiben die Persönlichkeiten der anderen Figuren allerdings leider weitestgehend ebenso im Schatten wie ihre Beweggründe.

Einerseits wird Johannas Auseinandersetzung mit ihrem Vater und der Vergangenheit ihrer Familie beleuchtet. Sie erkennt, dass jedes Familienmitglied seine eigene Version der Geschehnisse pflegt und nicht unbedingt an einer anderen interessiert ist. Dementsprechend muss sie ihren eigenen Weg finden mit der Vergangenheit umzugehen. Dies tut sich auf verschiedene Arten und eine davon schlägt sich sogar ganz unmittelbar im Text nieder. Der Kniff verblüfft und bietet dem Leser einen weiteren Zugang zur Geschichte. Andererseits werden ostdeutsche Befindlichkeiten und die späten Auswirkungen des Mauerfalls auf die Menschen erforscht. All das sind langfristige Prozesse, die keine einfachen oder allgemeingültigen Antworten mit sich bringen. Dies spiegelt selbst der Schluss wider, da viele Fragen offenbleiben. Störend ist das lediglich, wenn im Epilog neue, eigentlich nebensächliche, Fragen aufgeworfen werden und bestehen bleiben.

Der Roman besticht besonders durch seine Sprache. Der Stil ist lakonisch, Situationen und Gefühle werden wunderbar auf den Punkt gebracht. Gleichzeitig gibt es viel zu entdecken. Feiner Humor schleicht sich immer wieder an und begeistert mit überraschenden Formulierungen. Sätze und Metaphern sind durch Seiten getrennt, verweisen jedoch aufeinander oder lassen sich in Beziehung setzen. Ein Schlaraffenland für Leser/innen, die sich mit einem Text beschäftigen möchten. Ihn umpflügen und neue, andere Ebenen hinter der schlicht wirkenden Geschichte finden möchten. Ein Paradies auch für Zitate-Sammler und Wortwitz-Sucher.

Paula Fürstenberg hat einen wunderbaren Roman geschrieben, der als Familiengeschichte daherkommt und vom unterschiedlichen Umgang mit endgültigen Veränderungen erzählt. Aber er ist noch vielmehr als das. Wer sich darauf einlassen kann, wird nicht nur eine unterhaltsame, sondern auch eine tiefgründige Lektüre genießen können. Sie bietet reichlich Kost für Gehirn und Gemüt, so dass Johanna und ihre Familie sicher noch eine Weile an der Seite des Lesers bleiben werden.
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Vielen Dank an den Verlag und Lovelybooks, die den Roman im Rahmen einer Leserunde verlost haben.
4/5 Schreibmaschinen
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4Writer
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