[Rezension] Paul Hegge: Wie es Victor Kaufmann gelang, Adolf Hitler doch noch zu überleben

hegge

In den 20er Jahren lernen der wohlhabende Galerist Jakob Kaufmann und seine Frau Hannah den Jungen Rudi Smekal in Wien kennen. Da sie in ihm ihren eigenen Sohn wiedererkennen, er sehr intelligent ist und den kargen Lebensunterhalt für sich und seine alkoholkranke Mutter durch das Austragen von Milch bestreitet, möchten sie ihn unterstützen.
Wenig später verbringt er eine Woche in ihrem Haus in Nürnberg und freundet sich mit ihrem Sohn Victor an. Es ist eine seltsame Freundschaft, in der sie sich stets zu übertrumpfen versuchen. Da die Familie Kaufmann jüdisch ist, wird es zunehmend schwieriger für sie, in Deutschland zu leben. Schließlich wird der Vater verhaftet und nur unter Preisgabe wertvoller Kunstgegenstände wieder freigelassen und die Familie kann nach Wien auswandern. Doch der Frieden währt nicht lange und schließlich hängt das Leben der Familie von einem Gemälde Michelangelos ab. Zwischen Victor und Rudi, der inzwischen SS-Mitglied ist, entbrennt ein Kampf um das Gemälde auf Leben und Tod.

Der Titel verrät ja schon, dass es Victor gelingen wird zu überleben. Nichtsdestotrotz wird der Roman dadurch nicht weniger spannend. Und spannend ist er wirklich. Immer wieder scheint einer der Kontrahenten im Vorteil zu sein, immer wieder wendet sich das Blatt.

Der Eindruck entsteht, dass der Erzähler mit zeitlicher Distanz die Geschehnisse Revue passieren läßt. Gelegentlich flechtet er Kommentare ein, die wohl zum Verständnis des Verhaltens seiner Figuren beitragen sollen allerdings eher belehrend wirken.

Paul Hegge hat eine auktoriale Erzählweise gewählt, wobei Victors Perspektive im Zentrum des Romans steht, aber auch andere Figuren beleuchtet werden. Leider bleiben die Charaktere seltsam unnahbar und emotionale Verbundenheit läßt sich nur schwer herstellen. Allein Jakob Kaufmann und Victors Nähe zu seinen Eltern schaffen es, anzurühren. Ganz im Gegensatz zu Rudi, der sehr unsympathisch ist. Es ist merkwürdig, dass er von den Kaufmanns jahrelang wie ein Familienmitglied behandelt wird und dann dennoch so leichtempfänglich für die nationalsozialistische Propaganda ist. Nicht nur er ist ein Beispiel dafür, dass sich die Beweggründe aller Beteiligten nicht immer nachvollziehen lassen. Beispielsweise fragt man sich, ob die Freundschaft von Viktor und Rudi wirklich so eng sein kann wie beschrieben. Es wirkt als beständen von Anfang an Animositäten und die weitere Entwicklung spricht auch nicht gerade für eine große Nähe.

Paul Hegges Schreibstil ist flott und komplementiert die Zeit der Handlung und die Geschichte.  Teilweise gibt es Einwürfe zu den historischen Ereignisse, die den politischen Hintergrund der jeweiligen Handlung bilden. Sie sind kurz gehalten, so dass sie eine gute Orientierung bieten, aber informierte Leser nicht stören.

Insgesamt  bildet der wirklich raffiniert konstruierte Plot das Zentrum des Romans und bietet den Grund, warum man ihn lesen sollte. Die Spannung wird überaus gekonnt aufgebaut und trägt den Leser bis zur letzten Seite. Am Ende scheint es als habe man viel mehr Seiten gelesen als das Buch aufweist. Es könnte daran liegen, dass man in diesem Roman soviel miterleben durfte.

4/5 Schreibmaschinen

4Writer

Der Roman wurde mit Moritz Bleibtreu und Joachim Król verfilmt.

Paul Hegge, Wie es Viktor Kaufmann gelang, Adolf Hitler doch noch zu überleben, Langen-Müller Verlag 2009.

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