[Rezension] Alexandra Bracken: Die Überlebenden

bracken

Ruby ist zehn als in den USA eine schreckliche Epidemie unter den Kindern grassiert und Tausende von ihnen tötet. Die Überlebenden bilden übernatürliche Fähigkeiten aus. Sie können Gedanken lesen, mittels ihres Geistes Dinge bewegen und Menschen beeinflussen. Die Erwachsenen können mit der Situation nicht umgehen, sehen die Kinder als Gefahr. Lager werden gebaut, in denen ihnen angeblich geholfen werden soll. Doch in Wahrheit ist nicht geplant, dass die Insassen jemals wieder zurückkehren. Auch Ruby muss nach einem Vorfall mit ihren Eltern dorthin.

Sechs Jahre später vegetiert sie mit Hunderten anderer immer noch in einem Lager. Erfolgreich konnte sie verbergen, dass ihre übersinnlichen Kräfte stärker sind als üblich. Eines Tages trifft sie auf der Krankenstation eine neue Ärztin, die ihr hilft, zu fliehen. Cate gehört zu einer Untergrundorganisation, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgt. Und auch Ruby muss ihren eigenen Weg finden und zwischen Freund und Feind unterscheiden lernen.

Alexandra Brackens dystopische Reihe bietet die klassischen Versatzstücke des Genres gewürzt mit einem Schuss Übernatürlichem und einer Prise Liebe. Warum eine generelle Übereinstimmung zu herrschen scheint, dass Letzteres zu einem Jugendroman dazuzugehören hat, bleibt auch in diesem Fall schleierhaft. Abgesehen davon gibt es eine Gruppe, die sich erst zusammenraufen muss, einen Roadtrip, vagabundierende Banden, die Frage nach Freund und Feind, einen geheimen Rückzugsort usw. Vergleiche zur Unwind-Reihe werden wach, nur dass Neal Shusterman es besser versteht, diese Ideen einfallsreich und mitreißend umzusetzen. Die Überlebenden bietet durchaus eine interessante Ausgangssituation und spannende Szenen. Nichtsdestotrotz fehlt es der Autorin (noch?) ein wenig an Feinschliff, denn sowohl am handwerklichen als auch am sprachlichen Geschick mangelt es.

Zum einen weist der Band eine recht hohe Seitenzahl auf. Dieser Raum wird aber in zu geringem Maße auf den Weltenbau und die Basis der Geschichte verwendet. Das heißt, es werden Tatsachen geschaffen, diese aber nicht ausreichend erklärt. Es gab eine Epidemie mit vielen Opfern. Soweit so gut. Warum sind nur Kinder betroffen? Warum sind die anderen plötzlich übersinnlich begabt? Wie zeigten sich die Fähigkeiten das erste Mal und wie reagierten Einzelne und die Gesellschaft unmittelbar darauf. Und dies sind nur die offensichtlichen Fragen. Die Autorin errichtet ihre Geschichte wie ein Haus bei dem größerer Wert auf die Dekoration als auf das Fundament gelegt wird. Dies gilt nicht nur für die Grundfesten des Romans, sondern auch für die einzelnen Szenen.

Abläufe bleiben unerwähnt, die im nächsten Moment als gegeben vorausgesetzt werden. Geschehnisse werden unzureichend beschrieben, so dass Einzelheiten nicht klar werden.Vielleicht sind diese Fälle einer Nachlässigkeit der Autorin oder dem Übersetzungsprozess geschuldet. Meist fallen sie auch nicht stark ins Gewicht. Nichtsdestotrotz stören sie und wirken sich negativ auf den Gesamteindruck aus, da die Erzählung dadurch teilweise holprig und sprunghaft wirkt.Lässt man darüber hinaus das Beschriebene Revue passieren, entsteht der Eindruck, dass es dem Stoff gutgetan hätte, ihn zu komprimieren. Für die Höhe der Seitenzahl passiert insgesamt zu wenig. Hin und wieder scheint das der Autorin aufgefallen zu sein, so dass sie schnell eine „Actionszene“ eingefügt hat. Zum Ende nimmt die Spannung zwar deutlich zu, aber auch hier das Geschehen nicht gänzlich schlüssig. Im Übrigen sind die Fragen und Fährten, die zum nächsten Band führen, zwar interessant, aber keineswegs so spannend, dass das Gefühl vermittelt würde, dass man unbedingt weiterlesen sollte.

Zum anderen ist der Sprachstil nicht homogen. Einerseits ist er vergleichsweise schlicht gehalten, andererseits tauchen immer wieder Formulierungen auf, die bemüht poetisch wirken. Die Handlung wird aus Rubys Perspektive erzählt und somit ist der Leser unmittelbar mit ihrer Gedanken- und Gefühlswelt verbunden. Gemeinsam mit ihr lernt er die drei Jugendlichen Liam, Chubs und Zu kennen und schätzen. Die Geschichte gewinnt eindeutig durch diese Figuren und ihre Beziehungen untereinander. So überzeugt die langsame Annäherung zwischen Ruby und Chubs, einem Jungen, der ihr anfangs mit großer Skepsis gegenübersteht. Auch ihre Verbindung zu dem Mädchen Zu spiegelt viel Wärme und Zuneigung wider. Was die sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen Ruby und Liam angeht, so bleibt Bracken ihrem Muster treu. Das Ganze macht keinen schlüssigen Eindruck. Die Entwicklung vom Kennenlernen bis zur Liebe wird nur ansatzweise gezeigt und allzu schnell als gegeben hingestellt. Hinzukommt, dass die Liebelei mit zunehmender Intensität leider immer kitschiger beschrieben wird. Selbstverständlich hängt es immer vom einzelnen Leser ab, ob er das honoriert oder nicht. Für solche, die Liebesgeschichten eher ablehnend gegenüberstehen, ist es mitunter zu viel.

Leider sind Ruby und ihre Begleiter die einzigen Figuren, die wirklich so etwas wie eine Charakterzeichnung erfahren. Alle übrigen Personen bleiben schemenhaft. Besonders schade ist das bei dem mysteriösen Clancy. Sein Potenzial wird überhaupt nicht ausgeschöpft. Er ist nicht halb so unberechenbar und undurchsichtig, wie Alexandra Bracken es vermutlich beabsichtigt hat.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass Die Überlebenden sowohl innovative als auch vielversprechende Ansätze hat. Diese werden aber nicht ausgeschöpft und zu wenig elegant umsetzt. Es hapert dabei sowohl am Inhalt als auch an der Ausführung. Die Geschichte funktioniert, doch Alexandra Bracken schreibt Ruby und Co. nicht ins Herz des Lesers. Er ist zwar neugierig auf den Fortgang der Geschichte, nicht aber am einzelnen Schicksal der Figuren sonderlich interessiert. Die Überlebenden ist kein totaler Reinfall, aber auch nicht der leuchtende Stern am Genre-Himmel. Den Hype um die Reihe rechtfertigt der erste Band noch nicht.

3/5 Schreibmaschinen

3Writer

Alexandra Bracken, Die Überlebenden, Goldmann 2014.

2 Gedanken zu „[Rezension] Alexandra Bracken: Die Überlebenden

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