[Rezension] Cecelia Ahern: Flawed – Wie perfekt willst du sein?

flawed

Die 17-Jährige Celestine lebt in einem gesellschaftlichen System, das Perfektion zum höchsten Ziel erhoben hat. Wer moralische Verfehlungen begeht, dem wird der Prozess gemacht. Er wird gebrandmarkt, überwacht und muss mit massiven Restriktionen leben. Bisher hat Celestine dieses System befürwortet. Sie hielt sich für perfekt und lebte in einem perfekten Umfeld. Ihre Zukunft sah rosig aus. Niemals hätte sie sich vorstellen können, selbst einmal als fehlerhaft zu gelten. Doch ein Vorfall im Bus ändert eines Morgens alles. Celestine muss wählen zwischen Mitgefühl und Menschlichkeit und dem von der Gesellschaft gewünschten Verhalten.

Cecelia Ahern ist mit dem Verfassen von Liebesromanen zu Berühmtheit gelangt und darf sich wohl einer großen Anhängerschaft rühmen. Mit Flawed hat sie sich an einer Jugend-Dystopie versucht und sich somit einem völlig anderen Genre zugewandt. Ist es ihr geglückt?

Aherns Gesellschaftskonzept bietet spannende Denkansätze. Gerade in unserer Zeit streben Menschen in vielen Bereichen die sogenannte Perfektion an. Doch wer legt fest, was darunter zu verstehen ist? Warum ist sie so erstrebenswert? Und was ist so schlimm daran, nicht perfekt zu sein? Kann Perfektion „fehlerhaft“ sein? Neben der Grundthematik werden auch gegenwärtige Phänomene wie z.B. Online-Videos mit demütigendem Inhalt angesprochen. Jugendliche Leser finden somit ihre Realität ein Stück weit wieder und werden angeregt, sie zu hinterfragen. Trotzdem bleibt der unbestimmte Eindruck, dass die Autorin sowohl in Bezug auf die Geschichte als auch auf ihre Figuren nur an der Oberfläche kratzt. Dass mehr möglich gewesen wäre. Bedauerlicherweise tritt ebenso die mangelnde Tragfähigkeit von Aherns Gesellschaftskonstrukt im Verlauf der Geschichte zunehmend zutage. Beispielsweise wird erwähnt, dass Kriminelle nach ihrer Gefängnisstrafe in die Gesellschaft zurückkehren dürfen. „Fehlerhafte“ werden selbst im Tod noch stigmatisiert. Liegt einem Verbrechen nicht aber vielfach auch eine moralische Fehlleistung zugrunde?

Nichtsdestotrotz funktioniert die Geschichte über weite Teile recht gut. Der Leser wird unmittelbar in die beschriebene Welt hineinkatapultiert. Die Ereignisse überschlagen sich und der Leser erlebt sie unmittelbar aus Celestines Sicht. Es ist spannend, ihre Welt kennenzulernen. Nach und nach entstehen jedoch Situationen, die ziemlich vorhersehbar sind. Überraschender Weise vermag die Autorin sie trotzdem lebendig und emotional zu gestalten. Dies klappt allerdings nur bis zu einer gewissen Grenze, dann geht es steil bergab. Da helfen auch keine gut beschriebenen Szenen mehr weiter. Es geschehen derart viele Momente, die entweder vorhersehbar, klischeebeladen oder unlogisch sind, dass die Bewertung immer weiter herabsinkt. Da tauchen Personen aus dem Nichts auf oder Verstecke sind derart offensichtlich, dass sie zwar so gut wie jedem Leser auffallen dürften, die Protagonistin jedoch im Dunkel tappt. Erschwerend wirkt sich die mangelnde Ausarbeitung der Figuren aus. Celestine beschreibt sich anfangs als eine der glühendsten Anhängerinnen des einflussreichen Gilde-Richters Crevan. Ihr Überzeugung schwindet dafür jedoch ziemlich leicht. Sich selbst schreibt sie auf die Fahnen, eine überaus logischdenkende Person zu sein. Dies spielt im Verlauf der Handlung auch eine sehr große Rolle. Dennoch sind ihr die Lücken im System zuvor nie aufgefallen. Die mangelnde Nachvollziehbarkeit betrifft auch andere Figuren. Journalistin Pia ist beispielsweise eine öffentliche Institution, eine Funktionsträgerin des Systems. Doch Celestines Geschichte bewirkt einen abrupten Wandel bei ihr, der ebenfalls nicht schlüssig wirkt. Es kann nur gehofft werden, dass der 2. Band zeigt, das Pia doch etwas vielschichtiger ist.

Die Sprache ist einfach gehalten, die Kapitel kurz. Beides fördert das Lesetempo und wird am jugendlichen Zielpublikum orientiert sein. Allerdings gibt es ausreichend viele Gegenbeispiele, die zeigen, dass auch ein Jugendroman sprachlich überzeugen kann. Ihre Stärken spielt Ahern in den Szenen aus, in denen die Figuren unmittelbar miteinander agieren und ein wenig Tempo entsteht.

Vermutlich halten viele Autoren und Verlage eine Liebesgeschichte in einem Jugendroman für unentbehrlich. Wahrscheinlich erwartet das Zielpublikum sie gleichermaßen. Das ist schön und gut. Weniger schön ist allerdings, wie platt dieser Bestandteil in Flawed behandelt wird. Es ist merkwürdig, dass Celestine sich einem jungen Mann derart verbunden fühlen soll, mit dem sie kaum zwei Wörter gesprochen hat. Mit dem sie auch nonverbal kaum kommunizierte. Auch wenn Cecelia Ahern eine Erklärung anbietet, so ist diese doch nicht völlig überzeugend. Absolut nicht gut ist jedoch, welche Klischees in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen. Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass es sich bei dem jugendlichen Helden nicht um einen schmächtigen, Brille tragenden Burschen handelt. Das wäre wohl doch zu innovativ für das Genre ;). Geschenkt. Viel ärgerlich ist, dass Celestine als starkes, logikorientiertes Mädchen mit großem Verständnis für Mathematik aufgebaut wird, nur um das Image dann mit einer einzigen Szene zu sabotieren. Jungen Leserinnen sollten nicht die immerselben Stereotype und Klischees serviert werden. Stattdessen sollten sie in ihrer Unabhängigkeit unterstützt werden. Ist das zu viel von einer Autorin verlangt, die auf Liebesromane abonniert ist? Offensichtlich. Oder soll es ihr bisheriges Publikum ansprechen, die ihr Zuliebe das Genre gewechselt haben?

Insgesamt bietet Flawed einerseits zahlreiche Denkanstöße und eine Protagonistin, die Angst vor der eigenen Courage hat und dennoch Mut beweist. Jugendliche Leserinnen können sich damit sicher sehr gut identifizieren. Andererseits wirkt Cecelia Aherns Werk in einigen Bereichen eher lieblos, was durch zahlreiche Logikschwächen und Vorhersehbarkeiten untermauert wird.

3/5 Schreibmaschinen

3Writer

Vielen Dank an den Fischerverlag und Lovelybooks, die das Buch im Rahmen einer Leserunde zur Verfügung gestellt haben.

Cecelia Ahern, Flawed – Wie perfekt willst du sein?, Fischer-Verlag 2016.

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