[Filmkritik] Doctor Strange

dstrangec/o Marvel/Disney

Neurochirurg Doctor Stephen Strange ist begnadet, aber auch arrogant. Als er eines Abends einen Autounfall hat, tragen seine Hände schwerste Verletzungen davon. Auch mehrere Operationen können sie nicht wieder soweit herstellen, dass er in seinen Beruf zurückkehren könnte. Damit kann und will er sich nicht abfinden, resigniert schon fast als er er von einem Patienten erfährt, der ebenfalls schwerste Nervenschäden litt aber wie durch ein Wunder wieder völlig gesund wurde. Als Doctor Strange ihn findet, erfährt er von einem Ort, an dem der Mann geheilt worden sein will. So unrealistisch die Geschichte in seinen Ohren klingt, reist er dennoch nach Kathmandu und gelangt schließlich in ein Kloster. Es wird von der geheimnisvollen Ancient One geleitet, die den Doctor trotz Zweifel in den Kreis ihrer Schüler aufnimmt. Denn kurz zuvor hat sich ein anderer Schüler von ihr losgesagt und sich mit dem Wunsch nach dem ewigen Leben auf einen unheilvollen Weg begeben.

Der neueste Beitrag zum Marvel Cinematic Universum überzeugt mit so vielen positiven Attributen, dass die negativen absolut zu vernachlässigen sind.

Zuallererst punktet er mit einer absolut großartigen Besetzung, die zum größten Teil eine Punktlandung ist. Benedict Cumberbatch überzeugt von der ersten Sekunde seines Erscheinens. Er schenkt der Figur des Doctor Strange die richtigen Facetten in genau der passenden Dosierung. Die Wandlung vom arroganten, ehrgeizigen Chirurg über den Patienten, der jegliche Hoffnung zu verlieren droht, hin zu einem ungläubigen Schüler bis zum mächtigen Zauberer gelingt ihm perfekt. Gleichzeitig lässt er Doctor Strange niemals so unsympathisch erscheinen, dass dem Zuschauer dessen Schicksal egal würde.

Mit Mads Mikkelsen wurde Cumberbatch der ideale Widersacher entgegengestellt. Obwohl die Rolle des Kaecilius ein wenig eindimensional geraten ist, schafft Mikkelsen es, ihr im Rahmen der Möglichkeiten Tiefe und Glaubwürdigkeit zu verleihen. Abgesehen davon zieht die Figur einen Teil ihrer Stärke und ihres Charisma aus dem Umstand, dass sie augenscheinlich gute Gründe dafür hat, sich gegen die ehemalige Lehrerin zu stellen.

Ebenso überzeugen Tilda Swinton, Chiwetel Ejiofor und Benedict Wong jederzeit auf ganzer Linie, obwohl auch ihre Rollen nicht unbedingt tiefgründig sind. Lediglich Rachel McAdams kann nicht auftrumpfen. Einerseits ist die Figur der Ärztin Christine Palmer glatt und langweilig. McAdams schafft es im Gegensatz zu den übrigen Darstellern nicht, eine Mehrdimensionalität der Figur anzudeuten. Da McAdams auf ihr Standardrepertoire zurückzugreifen scheint, erinnert ihr Spiel an andere, seichte Rollen ihrer Karriere. Andererseits entsteht überhaupt keine Chemie zwischen McAdams und Cumberbatch. Es vermittelt sich in keiner Sekunde, dass die beiden Ärzte irgendein glaubwürdiges amouröses Interesse verbinden würde.

Die Handlung erfindet keineswegs das Rad neu. Neben der schauspielerischen Leistung wird sie dank philosophischer und spiritueller Denkansätze jedoch vor der puren Oberflächlichkeit bewahrt. Auch wird sie von einem leisen Humor durchzogen. Das passt sehr gut zum dramatischen, tragischen Handlungsverlauf, der dadurch gleichzeitig an passender Stelle aufgelockert wird. Auch in diesem Fall wird immer das richtige Maß gefunden.

Doctor Strange besticht ebenso in Bezug auf die Bildgestaltung, die Settings und die visuellen Effekte auf ganzer Linie. Die Schauplätze sind nicht nur bis ins Detail ausgestaltet, sie transportieren ebenso die unterschiedlichen Kulturen, die damit verbunden sind. Gleiches gilt für die Kostüme oder die Maske. Sie sind ebenfalls unersetzliche Instrumente der Ausgestaltung der Charaktere. Hier sei sowohl auf Stranges Umhang als auch auf Kaecilius Maske verwiesen. Die visuellen Effekte überzeugen und ziehen den Zuschauer förmlich ins Geschehen hinein. Selten schaffen es CGI-Szenen, so zu verblüffen und zu faszinieren. Mag manche Szene auch einem bunten Drogentrip ähneln, so würde man die entsprechende Pille doch gerne öfter einschmeißen. Die Aussage, dass dem Zuschauer hier etwas geboten wird, dass er noch nie auf der Leinwand gesehen hat und das ihn staunen lassen wird, ist wahrlich nicht übertrieben.

Ein weiteres, aber vernachlässigbares Manko stellt der Soundtrack dar. Er unterstützt die Szenen nicht, sondern wirkt vielmehr wie ein Klangteppich. Einprägsame Musikstücke, die eine Verbindung mit der Handlung eingehen und die Szenen im Gedächtnis des Publikums verankern, existieren nicht. An mancher Stelle hätte z.B. ein hämmernder Rock-Song oder ein zartes Musikstück dies schaffen können.

Wie gut sich Doctor Stange ins filmische Marvel-Universum einordnet, müssen die Experten entscheiden. Für jemanden, der ab und an einfach Spaß daran hat und vielleicht noch ein Faible für eine/n der/die Schauspieler/innen mitbringt, bietet der Neuzugang nahezu perfekte Unterhaltung. So perfekt, dass der nächste Einsatz des „Supreme Sourcerer“ kaum erwartet werden kann.

9/10 Tickets

9Tickets

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4 Gedanken zu „[Filmkritik] Doctor Strange

    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Ja, das ist eine hohe Bewertung. Stimmt. Filme mit 10er-Wertung sind für mich z.B. „The Kings Speech“, „5 Zimmer, Küche, Sarg“, „Inception“, „Das Leben des Brian“, „Kingsman“. Wobei ich bei allen „objektiven“ Kritierien (die ja im Grunde auch immer subjektiv sind wie die Bewertung der Schauspielleistung, der Bildgestaltung etc.) immer den „persönlichen Effekt“ der Filme auf mich zum endgültigen Kriterium erhebe. Das heißt, ein Film kann Schwächen haben, aber wenn er mich sehr gut unterhält oder emotional sehr stark beeindruckt, wird er von mir eine hohe Bewertung erhalten.

      Gefällt 1 Person

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