[Rezension]Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte

devigan

Der autobiografische Roman der Autorin Delphine ist ein großer Erfolg. Viele Menschen haben ihn gelesen, sie wird zu Diskussionen und Signierstunden eingeladen. Statt den Erfolg zu genießen, wirkt er auf sie wie ein Mühlstein, der sie hinabzieht, ihr jegliche Energie und Freude am Schreiben nimmt. Eines Abends lernt sie auf einem Fest L. kennen. Sie ist von der Fremden fasziniert und auch die scheint den Kontakt zu Delphine zu suchen. Mit der Zeit entwickelt sich eine Freundschaft, die von L. forciert wird. Immer mehr nimmt sie Einfluss auf Delphines Leben und möchte auch ihre Arbeit kontrollieren. 

Nach einer wahren Geschichte vereint verschiedene Ebenen. Ebenen, die neben und ineinander existieren. Die innerhalb und außerhalb der Buchdeckel bestehen und miteinander in Beziehung treten.

Oberflächlich betrachtet wird von der Obsession einer Leserin zu einer Autorin erzählt. Nicht nur in Zitaten wird auf Stephen Kings Sie verwiesen. Auf dieser Ebene funktioniert der Roman gerade einmal leidlich. Die Protagonistin erzählt aus ihrer Sicht die Ereignisse und so wenig L. preisgibt, so rudimentär fällt ihre Charakterisierung aus. Delphine nimmt eine Bedrohung durch ihre neue Freundin wahr, die der Leser nur ansatzweise nachvollziehen kann. Dass dies Teil des Konzepts ist, tröstet nur teilweise über die mangelnde Atmosphäre einer subtilen Gefahr hinweg. Auch ihre angebliche Faszination zu L. von der Delphine immer wieder spricht, wird für den Leser nicht erfahrbar.

Eine weitere, wichtigere Ebene beschäftigt sich mit dem Schreiben. Mit dem eigentlichen Prozess, der Rezeption des Endprodukts, der Dreiecksbeziehung zwischen Verfasser, Leser und dem Werk. Die Protagonistin sinnt über Schreibblockaden, Begegnungen mit ihrer Leserschaft etc. Teilweise wirken ihre Reflexionen prätentiös und eröffnen nur wenige neue Einblicke in das Leben einer Autorin. Es entsteht der Eindruck, einer sehr selbstbezogenen Person zu lauschen, die ihre eigenen Probleme nie ins Verhältnis setzt. Natürlich muss eine Schreibblockade bedrohlich auf Menschen wirken, die mit dem Verfassen von Texten Geld verdienen. Andererseits muss man sich nur mit den Lebensgeschichten anderer Schriftsteller auseinandersetzen, um festzustellen, dass wohl jeder schon einmal unter einer Blockade gelitten hat und sie durchaus zu bewältigen sind.

Die dritte Ebene steht mit dem Schreiben in Verbindung, geht aber darüber hinaus. Sie beleuchtet die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion.

Dies geschieht einerseits sehr offensichtlich, indem die beiden Hauptfiguren darüber diskutieren, inwieweit ein Roman authentisch sein kann oder sogar sein muss.Soll es von realen Menschen, Geschehnissen, Dingen handeln? Muss es überprüfbare Fakten liefern? Ist er dann bedeutsamer, einflussreicher, wahrhaftiger als imaginierte Geschichten? Wünscht sich das Publikum derartige Werke? Ist es der Fiktion überdrüssig? Oder ist es nicht eher so, dass Fiktion und Realität gar nicht unabhängig voneinander existieren? Dass jeder Autor sie vermischt? Beschreibt er tatsächliche Geschehnisse und Menschen, dann bewertet, interpretiert, ordnet er sie immer auch. Selbst ein Zeitungsbericht über einen Unfallhergang wird nicht jedes Detail nennen und verfälscht damit in gewisser Weise die Darstellung. Eine reine Wiedergabe der Realität ist damit nicht möglich. In der Fiktion findet sich immer auch der Erfahrungshintergrund des Schöpfers. Er lässt sich von Erlebnissen und Personen beeinflussen, verfremdet sie, gestaltet sie aus. L. ist nicht allein von Delphine besessen, sondern auch davon, dass diese eine weitere „wahre“ Geschichte zu Papier bringen muss. Ihr nächster Roman soll sich der Fiktion entledigen und die Realität abbilden. L. wiederholt sich so oft, dass sie damit irgendwann nicht nur ihr Gegenüber nervt, sondern auch den Leser.

Andererseits spielt die Abgrenzung und das Ineinanderfließen von Realität und Imagination in Nach einer wahren Geschichte eine große Rolle. Wahrscheinlich sogar die größte. Es ist keineswegs zufällig, dass die Protagonistin denselben Vornamen wie ihre Schöpferin trägt. Auch andere Parallelen zwischen ihnen spielen mit der Vorstellung, dass es sich um eine autobiografische Geschichte handeln könnte. Dass sie ebenso in Delphine de Vigans Leben verankert ist, wie ihr erfolgreicher Vorgängerroman Das Leben meiner Mutter. Dass es eine reale Person namens L. gibt. Doch die Autorin treibt das Spiel noch weiter, denn es stellt sich schließlich die Frage, ob es überhaupt die fiktive L. gibt.Hier wird der Leser einbezogen, wird dazu eingeladen, zu reflektieren, sich auseinanderzusetzen, Position zu beziehen. Im letzten Drittel werden immer neue Fährten gelegt, Zweifel gesät und der Leser muss die Geschichte immer mehr hinterfragen. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität werden in diesem Teil wirklich aus den Angeln gehoben. Am besten funktioniert der Roman auf dieser letzten Ebene und sie ist es auch, die den Roman von anderen abhebt.

Insgesamt hat Delphine de Vigan ein ambitioniertes Werk geschaffen, das auf einigen Ebenen sehr viel besser funktioniert als auf anderen. Sprachlich überzeugend schwankt es inhaltlich zwischen Prätention und wirklichem Tiefgang. Es ist gleichermaßen altbacken wie genial. Leider muss sich der Leser aber erst durch ziemlich viele Seiten ackern, bevor er den versteckten Schatz heben darf.

3/5 Schreibmaschinen

3Writer

Delphine de Vigan, Nach einer wahren Geschichte, DuMont Buchverlag 2016.

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