[Blogparade] Impro-Geschichten

Es ereilte mich Pimalrquadrats Nominierung für die Blogparade Impro-Geschichten. Da lasse ich mich nicht lange bitten und von den drei vorgegebenen Stichwörtern inspirieren. Damit das eine jedoch klar ist, ich beanspruche mit meinem Beitrag keineswegs den Literatur-Nobelpreis zu erhalten ;). Wie gesagt, die Geschichte soll ja improvisiert und ohne große Überarbeitung unters Volk gebracht werden. Und dann kommt halt sowas dabei heraus :). Ursprünglich stammt die Idee dazu übrigens vom Blog Hamburgische Dramaturgie 2.0.

Die vorgegebenen Stichwörter sind Pythagoras, Weihnachtsmarkt und Geschenke.

„So schwierig kann das doch nicht sein.“ Die gemurmelte Beschwerde meinte niemand Bestimmten. Zwar umgaben ihn etliche fremde Menschen, doch sie hatten ihre eigenen Ziele und Absichten und schenkten ihm keine Beachtung. Ein weiteres, ungezähltes Mal verfluchte er den Moment, als  ausgerechnet er das Los mit den Namen seines Chefs gezogen hatte. Er glaubte ein gemeinschaftliches Aufatmen der Kollegen und Kolleginnen wahrgenommen zu haben. Natürlich waren sie unendlich erleichtert, dass sie verschont geblieben waren und sich kein Wichtelgeschenk für die heikelste Person der Runde ausdenken mussten. Er erinnerte sich an Stefan, den Unglücksraben des letzten Jahres. Vor zwei Wochen war eine Postkarte von ihm gekommen. Die Klinik sei im Grünen gelegen, er erhole sich sehr gut und sei optimistisch, sein Burnout überwunden zu haben. Er freue sich schon auf die neue Aufgabe als Imker im Schwarzwald. „Wird schon nicht so kompliziert sein wie der Satz des Pythagoras.“ hatte er Marie-Anne trotz oder gerade wegen der Erinnerung zugeflüstert. „Der ist gar nicht kompliziert.“ hörte er sie sagen. „Du kannst ihn dir nur nicht merken.“ Hämisch hat sie es gesagt und ihn dabei angegrinst. Das hatte ihn allerdings weniger geärgert, als die Tatsache, dass sie recht hatte. Leider hatte sie ziemlich oft recht. Um genau zu sein, fast immer. Obendrein beließ sie es nur selten dabei, sondern teilte ihre Triumphe regelmäßig mit den Kollegen in der Kantine. Er stöhnte auf, als hätte er Schmerzen. Die Kirchturmuhr schlug, um ihm mitzuteilen, dass er nun schon seit zwei Stunden kreuz und quer über den Weihnachtsmarkt lief und wie ein blindes Huhn nach einem Korn suchte. Wie war er überhaupt auf die dämliche Vorstellung verfallen, hier fündig zu werden? Achja, er hatte ausgerechnet Marie-Anne um Rat gefragt. Wenn sie schon immer recht hatte, dann wollte er sich diese Fähigkeit wenigstens einmal zunutze machen.Wie dumm, tatsächlich mit einer hilfreichen Antwort gerechnet zu haben. „Letztes Jahr habe ich dort für Klaus ein ganz ausgefallenes Geschenk gekauft.“ hatte sie im Brustton der Überzeugung erklärt. Fast hatte er Hoffnung geschöpft. „Heilwasser, aufgefangen aus guatemaltekischen Wolkenformationen bei Neumond.“ Wieder hatte ihn ihr hämisches Grinsen getroffen, aber dieses Mal hatte er es nicht mehr gesehen, weil er beim Stichwort „Neumond“ augenrollend das Weite gesucht hatte.

Nichtsdestotrotz und in Ermangelung einer überzeugenden Alternative hatte ihn sein Weg nun also zum Weihnachtsmarkt geführt. Inzwischen taten ihm die Füße weh, es zog in der linken Wade und sein Magen knurrte. Die nächste Bude spie ihm ihre Essensdüfte entgegen und zog ihn magnetisch an. Mittlerweile war ihm alles egal, selbst die Auswahl zwischen Pommes mit Mayo oder Ketchup schien kaum zu bewerkstelligen. Seine Wahl fußte schließlich weniger auf einem bewussten Entscheidungsprozess als auf der simplen Tatsache, welches Wort weniger Energieaufwand erforderte. Vier Buchstaben stachen sieben aus. Sein Blick schweifte über die Getränkekarte über dem Fettbad, in das gerade seine Pommes Frites versanken. Irgendwo in den hintersten Windungen seines ausgelaugten Gehirns fiel ein Groschen. Die Verkäuferin ließ einen riesigen Klecks öliger Creme auf die Schale mit Kartoffelstäbchen klatschen. Simultan breitete sich ein Lächeln auf seinen Lippen aus, das sich nicht bloß durch nach oben gezogene Mundwinkel auszeichnete, sondern sich in seinen Augen fortsetzte. „Da freut sich aber jemand auf sein Essen.“ stellte die Dame hinter dem Tresen nicht ganz treffend fest. „Ein Bier bitte.“ erwiderte er dennoch lächelnd.

Eine Woche vor Weihnachten war der große Tag des Wichtelns da. Glücklicherweise fand die Geschenkübergabe nicht in großer Runde statt. Die Leute wanderten mit einem Glühwein in der Hand von Grüppchen zu Grüppchen, unterhielten sich, lachten, überreichten sich kleine Päckchen oder unförmige Geschenkpapierobjekte, wechselten Worte des Danks. Manchmal blieb es bei einem skeptischen Blick und einem entschuldigenden Schulterzucken angesichts der milden Gabe. Er hatte den richtigen Moment abgewartet. Nun trat er an die Gruppe heran, in der sein Chef den Ton angab. Drei Untergebene lauschten andächtig seinen Worten, lachten wenn er einen vermeintlichen Witz gemacht hatte. „Darf ich kurz stören?“ „Aber natürlich. Wie ich sehe, haben Sie ein Geschenk dabei.“ Alle Augenpaare richteten sich auf den Schenker. „Ein Geschenk für Sie.“ Vielsagende Blicke huschten zwischen den Kollegen wie aufgescheuchte Vögel hin und her. „Na, dann her damit.“ forderte sein Chef übertrieben überschwänglich. „Vorher möchte ich mich noch bei meiner lieben Freundin Marie-Anne bedanken.“ Sie stand neben dem Chef und wollte gerade von ihrem Glühwein nippen, hielt aber in der Bewegung inne. „Mir?“ „Ja.“ Er nickte, lächelte, nickte und lächelte. „Du hast mir immerhin den Tipp für das perfekte Geschenk gegeben. Ohne deine Hilfe wäre ich wirklich aufgeschmissen gewesen.“ Sie kräuselte zweifelnd die Augenbrauen und nahm einen kräftigen Schluck aus ihrem Becher. Er übergab das in Geschenkpapier gehüllte Etwas. Eine halbe Nacht hatte er am Computer zugebracht, um es so hinzubekommen wie er wollte. Dass es professionell und glaubwürdig aussah. Geschenkpapier raschelte. Zusammengeknüllt drückte der Chef es ihm in die Hand und drehte das freigelegte Geschenk in seiner Hand. „Was ist denn das….Schönes?“ fragte er und hielt sich die Flasche näher vor die Augen. Grüne Flüssigkeit schwappte hinter dem dicken Glas. Leitungswasser mit etwas Traubenzucker und Lebensmittelfarbe. Zögernd las der Beschenkte die Aufschrift des Etiketts: „Heilwasser….aufgefangen aus…. guatemal… guatemaltekischen Wolkenformationen bei….bei Neumond. Oh.“ Ein überraschter, aber nicht unfreundlicher Blick.“ traf den Schenker. „Vielen Dank.“ Offensichtlicher wusste der Chef nicht wirklich, ob er sich freuen sollte oder nicht. Was er überhaupt damit anfangen sollte. Aber das würde kein Problem darstellen, denn auf der Rückseite gab es natürlich ein weiteres Etikett auf dem nicht nur fantasievolle Inhaltsstoffe Platz gefunden hatten, sondern auch empfohlene Anwendungsgebiete, die von Kopfschmerzen, Lustlosigkeit, Stress bis hin zu Rückenleiden, Fußpilz und Ohrensausen reichten. Er hatte das Gefühl einen guten Querschnitt durch gravierende und leichte Leiden gefunden zu haben. „Ach, danken Sie nicht mir.“ winkte er leichthin ab. „Der Lohn gebührt einzig und allein Marie-Anne.“ Die verschluckte sich gerade an ihrem Glühwein und zeigte dann ein gequältes Lächeln. „Nein, wirklich. Damit habe ich gar nichts zu tun.“ „Sie ist immer so bescheiden.“ erklärte er, legte einen Arm um ihre Schultern und unterdrückte das hämische Lächeln, das sich unbedingt auf seinem Gesicht ausbreiten wollte. „Frohe Weihnachten!“ rief er stattdessen niemand Bestimmten zu.

-The End-

Die drei Wörter, die mir gerade total spontan einfallen und um die es gilt, eine Geschichte zu entspinnen, sind:

Mitternacht

Tower

akribisch

Nominieren möchte ich die lieben HerbaBelkor und Simon Segur. Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr Zeit hättet und die Herausforderung annehmen möchtet.

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11 Gedanken zu „[Blogparade] Impro-Geschichten

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