[Rezension] Geister

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Einst als neue literarische Stimme Amerikas gefeiert, muss sich der junge Literaturprofessor Samuel Anderson nun mit unmotivierten Studenten herumschlagen. In seiner Freizeit sucht er Ablenkung in dem Online-Spiel „Elfscape“. Sein Leben gerät aus den eingefahrenen Bahnen, als er erst eine Studentin gegen sich aufbringt und dann einen Anruf von einem Anwalt erhält. Der vertritt Samuels Mutter, die ein Attentat auf einen konservativen Politiker verübt haben soll. Die Frau, die ihn verlassen hat, als er elf Jahre alt war und mit der er seit über zwanzig Jahren keinen Kontakt hatte. Der Anwalt bittet ihn, für sie zu bürgen und zwingt Samuel damit, sich endlich mit der vertrauten Fremden auseinanderzusetzen.

Nathan Hill hat mit Geister einen ambitionierten Roman vorgelegt, der nicht nur die Psyche seiner Figuren, sondern die einer ganzen Nation, der USA, ergründen will. Er spannt einen Bogen, der von von Norwegen über Iowa bis nach New York sowie von der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart reicht.

Die Geschichte begeistert durch lebensnahe Figuren, unvorhersehbaren Entwicklungen und lebhafte Beschreibungen.

Mit Samuel im Zentrum entsteht ein Kaleidoskop von Schicksalen, die miteinander verbunden sind, sich bedingen, Gabelungen erreichen, Entscheidungen treffen oder die anderer akzeptieren müssen. Dabei wird nicht außer acht gelassen, dass die Verweigerung einer Entscheidung in gewisser Weise auch eine solche darstellt. Allerdings stellt sich fast jede getroffene Wahl im Nachhinein als unglücklich oder falsch heraus. Selbst diejenigen, die einen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Erfolg mit sich bringen, sind dafür moralisch fragwürdig. Manchmal merken es die Figuren, manchmal nicht, aber der Autor wird es (mit einer Ausnahme) nie leid, ihre Irrwege aufzuzeigen. Auf Dauer ist das ziemlich deprimierend.

Der Sprachstil ist gleichzeitig nüchtern und bildhaft. Obwohl sich der Autor nur selten den Rat „In der Kürze liegt die Würze“ beherzigt, nimmt er den Leser über alle Schachtelsätze und Seiten mit. Es lässt sich trotzallem überraschend beschwingt lesen. Es entsteht ein fantastischer Lesefluss, in dem der Leser sich losgelöst treiben lassen kann, an dessen Ufer mitunter grandiose Zitate wachsen. Zu den sehr expliziten Beschreibungen wird jeder Leser (wie auch zu allem anderen) eine eigene Haltung entwickeln. Jedoch scheinen einige allein zu dem Zweck zu existieren, die Leser möglichst stark zu schockieren oder vielleicht auch, um Seiten zu füllen. Obwohl Hill mit letzterem offensichtlich sonst auch keine Probleme gehabt hat.

Der Autor wagt seinen Stil und Textaufbau zu variieren, was ihm hoch anzurechnen ist, aber nicht immer überzeugend glückt. Dennoch trägt es ebenso wie die Perspektivwechsel zwischen den Figuren dazu bei, das Interesse und die Neugier der Leser wachzuhalten. Letztere tun dies ebenfalls dadurch, dass sie den Ereignissen neue Details und spannende Facetten hinzufügen. Außerdem würzt Hill die häufig tragischen Erzählstränge mit subversivem Humor und Gesellschaftskritik. Weder zwischenmenschliche Beziehungen, Politik, Medien, Kapitalismus bleiben vor seinem analytischen Blick verschont. Auf einer weiteren Ebene wird der Einfluss von Politik und Gesellschaft auf den Einzelnen in den Fokus gestellt. So wird die Absurdität unserer Zeit vor allem in Laura und Pwnages Figur deutlich. Verleger Periwinkle bringt die Mechanismen des Kapitalismus sehr schön auf den Punkt, während Lauras Beispiel den Einfluss des Internet und der sozialen Medien widerspiegelt. All das geschieht ohne erhobenen Zeigefinger oder einen Stau des Leseflusses, was sehr beachtlich ist.

In Anbetracht der großen Themen, die Hill über weite Teil geschickt verknüpft, zeugt manche Entwicklung sowie das Ende von erstaunlicher Kleingeistigkeit. Je weiter es auf das Ende zugeht, desto mehr verstärkt sich der Eindruck, dass der Autor Angst vor der eigenen Courage bekommen hat. Während er anfangs nicht vor radikalen Ideen zurückschreckt, lässt er später die nötige Konsequenz missen. Plötzlich werden einfache Lösungen präsentiert, statt unbequeme und dafür eindrucksvolle Varianten zu wählen. In seinen schlechtesten Momenten erinnert Geister sogar an populäre Seifenopern. Dieses Manko ist angesichts vieler brillanter Ideen und cleverer Formulierungen umso unverständlicher und ärgerlicher. Statt seine Leser ihre eigenen Schlüsse ziehen zu lassen, gibt Hill schließlich sogar oberlehrerhaften Erklärungen ab. Ärgerlich ist nicht nur die Einfachheit mancher Antworten, sondern auch die Auswahl. Es hätte weitaus interessantere und spannendere Fragen gegeben für die Antworten wünschenswert gewesen wäre. Mancher Weg, den Hill zu einem Ziel geführt hat, hätte dafür gerne im Sande verlaufen dürfen.

Insgesamt bietet Geister seinen Lesern eine Achterbahnfahrt. Sprachlich pointiert und mitreißend, wird die Neugier stets wachgehalten. Leider verliert die Geschichte aber zum Ende stark an inhaltlicher Überzeugungskraft. Mit etwas Abstand verliert sich die positive Wirkung sogar noch mehr und stattdessen verstärkt sich der Eindruck, dass mancher Erzählstrang auch ein paar belanglose Fäden enthielt. Trotz aller Kritik ist Nathan Hill ein beachtliches Debüt gelungen.

4/5 Schreibmaschinen, allerdings kratzen diese an der Grenze zu 3.

4Writer

Geister, Nathan Hill, Piper 2016.

Danke an den Piper-Verlag und Lovelybooks, die im Rahmen einer Leserunde das Leseexemplar zur Verfügung gestellt haben.

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4 Gedanken zu „[Rezension] Geister

    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      In Teilen hat mich das Buch schon sehr mitgerissen, aber dann gab es auch wieder Aspekte, die mir überhaupt nicht gefielen. Ich denke, es gilt hier mehr noch als ohnehin schon, dass man da seine eigene Leseerfahrung machen muss. In der Leserunde gab es auch viele schlichtweg begeisterte Stimmen. Ich möchte weder ab- noch anraten.

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