[Rezension] Laura Wilkins: Ashford Park

ashford

Clemmie hängt sehr an ihrer Großmutter Addie. Als es dieser zunehmend schlechter geht, spricht sie ihre Enkelin plötzlich mit „Bea“ an. Clemmie kennt niemanden dieses Namens und stellt bald fest, dass dasselbe auf die Vergangenheit der alten Dame zutrifft. Nur wenige Details sind aus ihrem Leben vor der Einwanderung in die USA bekannt. Doch langsam treten immer mehr Dinge zu Tage und Clemmie muss sich schließlich fragen, ob Addie überhaupt die Frau ist, für die ihre Enkelin sie gehalten hat.

Der Roman springt zwischen zwei Zeitebenen und Protagonistinnen hin und her. In der Gegenwart (Anfang der 2000er Jahre) hat Rechtsanwältin Clemmie (die nur ein oder zwei Mal bei ihrem vollen Namen genannt wird) gerade eine Trennung hinter sich und arbeitet unermüdlich daran, Partnerin in ihrer Kanzlei zu werden. In der Vergangenheit (1920er Jahre bis in die 1970er) wird Addies Weg von Ashford Park nach Afrika verfolgt. Außerdem werden kurze Passagen aus dem Blick von Bea eingestreut.

Jede der Figuren wird glaubwürdig zum Leben erweckt. Jede hat ihren eigenen Ton. Ihre Charakterzüge, Motive und Handlungsweisen werden nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz lässt sich nur sehr schwer eine Verbindung zu ihnen aufbauen. Zum einen mag es daran liegen, dass keine wirklich sympathisch wirkt. Zum anderen entsteht das Gefühl, dass ihre Motive und Gefühle nicht erschöpfend genug ausgeleuchtet werden. Der Leser erfährt viel von ihnen, kann sie jedoch nicht immer verstehen.

Klar im Mittelpunkt steht Clemmies Leben und ihr Empfinden, was auch der Anteil am Seitenumfang widerspiegelt. Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt der Geschichte leider auf Clemmies Wohl und Weh. Das „große“ Geheimnis wird zum Katalysator degradiert, der ihr weiteres Leben bestimmt. Lang und breit wird über ihre Arbeit, ihre Ex-Beziehung, die damit einhergehenden Selbstzweifel, das Bedauern über ihr Single-Leben, ihre Familie und die Sorge um ihre Großmutter palavert. Besonders in Anbetracht des Wunsches, mehr über Addies Vergangenheit zu erfahren, wirken sich die vielen Details aus Clemmies Gefühls-/Leben sehr enervierend aus. Auch das ständige Gejammer über ihren Beziehungsstatus ist für Leserinnen, die gerne Single sind, auf Dauer unerträglich. Ebenfalls ärgerlich ist, dass sie in Bezug auf Addies Geheimnis recht inaktiv ist und keine ernsthaften Versuche unternimmt, es zu entschlüsseln. Die wenigen Hinweise und Lösungen fallen ihr stets in den Schoß bzw. werden von anderen zu Tage gefördert. Am meisten erfährt der Leser aus dem Erzählstrang, der in der Vergangenheit liegt.

Obwohl Addies Vergangenheit genauso weitschweifig erzählt wird wie Clemmies Geschichte, hat es nicht dieselben negativen Auswirkungen. Das liegt einerseits daran, dass die Frage, was genau passiert ist, die Aufmerksamkeit des Lesers wachhält. Andererseits liegt es an Willigs sehr lebendigem Sprachstil, der alle Sinne anspricht. Er ist ganz klar die Stärke des Romans. Sowohl die kalte Atmosphäre auf Ashford Park wird für den Leser nachfühlbar, als auch die flirrende Geschäftigkeit der Zwanziger Jahre neben den dunklen Nachwirkungen des vergangenen Krieges. Die Zeit in Afrika, die Landschaft, die schwüle Witterung, das Verhältnis zwischen den Figuren machen keine Ausnahme. Nichtdestotrotz hätten sich ein paar Kürzungen nicht nachteilig ausgewirkt. Ob wirklich alles derart detailliert beschrieben werden muss, ist fraglich.

Nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich neigt Willig zur Dekadenz. Viele Dinge werden bis ins Kleinste beschrieben, was zur hohen Seitenzahl beiträgt. Das tatsächliche Geschehen hätte sich definitiv auf weniger Seiten aufschlüsseln lassen können.

Als einer der größten Kritikpunkte muss die relativ frühe Offenlegung wichtiger Details des Geheimnisses genannt werden. So bleibt nur die Frage, wie es explizit dazu kam. Manches auf dem Weg ist vorhersehbar, anderes nicht. Das ist genauso okay wie die Tatsache, dass die Autorin nicht alle Geschehnisse genauer verfolgt und erklärt. Ärgerlich ist jedoch, dass es sich dabei genau um die Ereignisse und Entwicklungen handelt, deren Ablauf den Leser besonders interessiert hätten. Hätte die Autorin doch lieber an anderer Stelle Minimalismus geübt und nicht ausgerechnet an diesen essentiellen Stellen.

Das Lektorat darf nicht unerwähnt bleiben, da es an der ein oder anderen Stelle sorgfältiger hätte erfolgen sollen. Beispielsweise wird einmal von drei Personen gesprochen. Als sie namentlich aufgeführt werden, sind es jedoch vier.

Im Grunde fährt Willig unter falscher Flagge. Statt das Geheimnis in den Mittelpunkt zu stellen, ist dies nur ein Köder, um zwei relativ fade und sehr konservative Liebesgeschichten zu erzählen. Diese driften nicht selten ins Kitschige ab. Die altmodische Haltung, dass nur eine Heirat erst ein perfektes Happy-End ausmachen, wird (wie wäre es mit zwei oder drei Eheschließungen?) auf die Spitze getrieben.

Auch der Titel ist irreführend, denn das titelgebene Ashford Park spielt lediglich eine sehr untergeordnete Rolle. Auch der englische Titel An Ashford-Affair trifft den Inhalt nur ansatzweise.

Insgesamt schöpft der Roman sein Potenzial nicht zufriedenstellend aus. Ashford Park bietet gediegene Unterhaltung ohne großartigen Spannungsbogen. So ist es eher etwas für Fans von Liebesromanen ist als für solche von historischen Familiengeheimnissen.

2/5 Schreibmaschinen

2Writer

Lauren Willig, Ashford Park, Rowohlt Taschenbuch 2014.

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