[Rezension] Im ersten Licht des Morgens

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1943:

Im ersten Licht des Morgens steht Chiara im jüdischen Ghetto von Rom. Sie beobachtet wie die Bewohner zusammengetrieben und abtransportiert werden sollen. Eine Familie fällt ihr ins Auge und plötzlich fixiert auch die Mutter Chiara. Ehe die sich versieht, zieht sie den kleinen Sohn der Familie mit sich fort.

1973:

Maria ist sechzehn und lebt mit ihrer Familie in Wales. Eines Tages erfährt sie zufällig, dass sie nicht das leibliche Kind ihres Vaters ist. Stattdessen soll sie die Tochter eines Italieners sein, den ihre Mutter während eines Au-pair-Aufenthalts in Rom kennengelernt hat. Der einzige Anhaltspunkt, ihn zu finden, ist die Adresse seiner ehemaligen Vermieterin Chiara Ravello.

Die Geschichte springt zwischen den Zeiten, Figuren und Ländern. Jede Zeit hat ihre eigenen Parameter, zeigt Geschehnisse und offenbart Dinge. Der Leser wird stets in Spannung gehalten, was als nächstes passieren wird oder was schon geschehen ist, wovon er jedoch noch keine Kenntnis hat. Manches erlebt der Leser mit, anderes wird in kurzen Rückblenden aufgedeckt.

Chiara und Daniele, der Junge, den sie gerettet und damit an Kindes statt angenommen hat, stehen im Mittelpunkt. Dementsprechend herrscht Chiaras Perspektive vor. Der Leser wird in ihre Gedanken und Gefühle eingeweiht, in ihre Erlebniswelt hinein gesogen und baut so eine wirklich große Nähe zu ihr auf. Daniele bildet jedoch das eigentliche Epizentrum, um das sich alles und jeder dreht. Ein wirklicher Kunstgriff ist, dass dennoch niemals seine Perspektive eingenommen wird. Er ist wie ein Phantom, dass der Leser nur durch die Deutungen anderer Menschen wahrnehmen kann. Er entzieht sich in seiner Unnahbarkeit, seiner Härte bei gleichzeitiger Verletzlichkeit sowohl seinen Mitmenschen als auch dem Leser. Doch gerade deshalb ist Daniele eine ungemein faszinierende Figur.

Der Leser lernt auch Marias Sicht kennen, die jedoch hinter Chiara und Daniele zurücktritt. Das Mädchen dient in erster Linie als Katalysator, um Abläufe in Gang zu setzen. Obwohl auch zwei untergeordnete Charaktere zu Wort kommen, werden die Nebenfiguren vor allem durch den Blick der Hauptfiguren charakterisiert. Sie haben ihre Auftritte und beeinflussen die Handlung auf die ein oder andere Weise.

Virginia Bailys Sprachstil ist prägnant und erschafft mit wenigen Worten einen hohen Grad an Atmosphäre und Authentizität. Die Schrecken des Kriegs werden genauso eindrücklich geschildert wie der Alltag in Rom, sei es in den Vierziger oder Siebziger Jahren. Die Handlungen der Figuren werden nachvollziehbar, ihre Gefühle eindrucksvoll dargestellt ohne jemals ins Kitschige abzudriften. Schon allein das ist eine hohe Kunst. Stets ist die Liebe der Autorin zu ihren Figuren spürbar. Sie beschreibt diese mit großem Einfühlungsvermögen und Blick für die Natur der Menschen. Außerdem wird deutlich gemacht, dass sich eine Familie nicht zwangsläufig über Blutsbande definiert und nicht dem klassischen Modell entsprechen muss, um Liebe und Fürsorge zu hegen.

Ein weiterer Kunstgriff ist die Verwendung des Präsens für die Geschehnisse während des Kriegs und kurz danach, während von den späteren Ereignissen in der Vergangenheitsform berichtet wird. Dementsprechend wirken die früheren Begebenheiten unmittelbarer und damit stärker auf den Leser, so wie sie auch einen stärkeren Effekt auf Chiara ausüben. Selbst dreißig Jahre später beeinflussen sie die Protagonisten weitherhin immens. Ebenfalls lobend hervorzuheben ist das Ende, das Baily sehr schlicht, aber umso eindrucksvoller gestaltet hat. Viele Leser werden an dieser Stelle einen Seufzer wohl nicht unterdrücken können.

Natürlich sollen die leichten Schwächen des Romans nicht unerwähnt bleiben. Diese bestehen in der unbeantworteten Frage, warum Marias Mutter gerade diesen Zeitpunkt wählt, um Kontakt zu Chiaras Vater zu suchen. Die touristischen Beschreibungen Roms treten zum Ende sehr gehäuft auf und bieten keinen wirklichen Mehrwert. Im Nachhinein stellt sich ebenfalls bei manchem Erzählstrang die Frage, ob er der Geschichte wirklich etwas Wichtiges hinzufügen konnte. Während des Lesens  verschmelzen sie hingegen homogen mit dem Rest, wirken weder langweilig noch überflüssig.

Virginia Baily hat ein Juwel geschaffen, das den Leser in jeder Beziehung mitnimmt, gefangennimmt und aufwühlt. Darüber werden die wenigen Schwächen vernachlässigbar. Schlicht gesagt, bietet Im ersten Licht des Morgens ein wunderbares Leseerlebnis, in dem es um die elementarste menschlichen Empfindungen geht.

5/5 Schreibmaschinen

5Writer

Virginia Baily, Im ersten Licht des Morgens, Diana-Verlag 2015.

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2 Gedanken zu „[Rezension] Im ersten Licht des Morgens

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