[Rezension] Roman Rausch: Bombennacht

bombennacht

Der 16. März 1945 wird einer der ersten sonnigen, wärmenden Frühlingstage des Jahres werden. Würzburg ist voller Flüchtlinge, die ebenso wie die Einwohner auf das Ende des Kriegs hoffen. In der Stadt fühlen sie sich sicher. Die Alliierten werden doch nicht die Stadt bombardieren, in der Churchill studiert hat.

An diesem Tag wird Julius die Schule schwänzen und in dem deutsch-russischen Eugen einen neuen Freund finden. Schwesternschülerin Fanny wird erkennen, was in den letzten Jahren in der Nervenheilanstalt vor sich ging und die Beteiligung ihres Chefs Doktor Werners daran. Sie wird das Mädchen, das all das beweisen kann, unter ihre Fittiche nehmen. Währenddessen wirde Werners Ehefrau Vorbereitungen für die abendliche Geburtstagsfeier ihrer Tochter treffen, die deren jüdischer Klavierlehrer Paul zur Flucht nutzen möchte. Sein Jugendfreund Henry wird hingegen an diesem Märztag ein Flugzeug in England steigen, um an dem Bombenangriff auf Würzburg teilzunehmen.

Die Genannten sind nur einige der Figuren, die Roman Rausch in seinem Roman beleuchtet und denen er eine eigene Perspektive schenkt. Darunter findet sich ein Mitläufer genauso wie ein Karrierist. Ein Jude, ein Zwangsarbeiter und ein Kriegsveteran. Ein aktiver Soldat und ein Flüchtling. Eine angehende Krankenschwester und eine Funkhelferin. Ein Pastor, ein ausgebombten Ehepaar und ein Schuljungen. Teilweise sind die Personen verwandtschaftlich verbunden, teilweise lernen sie sich im Zuge der Geschehnisse erst kennen oder begegnenden sich ohne vom Schicksal des anderen tangiert zu werden. In Schlaglichtern werden ihre Lebenssituation, Geschichte, Wünsche und Ziele beleuchtet. Rausch möchte ihnen allen eine Stimme verleihen und dem Leser Einblicke in ihre Gedanken und Lebenswirklichkeit ermöglichen. Das ist eine sehr anspruchsvolle Vorgehensweise, die abwechslungsreich für Spannung sorgt. Tatsächlich schafft es der Autor, die Vergangenheit und Gegenwart der zahlreichen Figuren auf sehr begrenzten Raum zu veranschaulichen und mit ganz unterschiedlichen Aspekten der Lebensrealität im nationalsozialistischen Deutschland zu verbinden. Andererseits erfordert die Vielzahl der Situationen und Namen häufig einen Moment der Orientierung, um sie richtig zuzuordnen. Es führt ebenfalls dazu, dass zwischen Leser und den einzelnen Figuren kein besonders starkes emotionales Band aufgebaut wird. Am ehesten gelingt dies bei Fanny und ihrem Vater.

Die Sprache ist leichtverständlich und so anschaulich, dass sie mitunter ins Blumige driftet. Daneben gibt auch sehr treffende, kunstvolle Formulierungen. Sprachlich wirkt Bombennacht trotz der dramatischen und drastischen Geschehnisse dennoch seltsam glatt. Außerdem wiederholen sich manche Feststellungen und es häufen sich Beschreibungen der Stadt. Für Würzburger und andere Ortskundige bietet der Roman deshalb einen hohen Wiedererkennungswert und einen spannenden Blick auf Altbekanntes. Für Unkundige muten die Stadtbeschreibungen bisweilen wie ein mehr oder weniger raffiniertes Stadtmarketing an. Nichtsdestotrotz weckt der Roman tatsächlich Interesse, die Stadt zu besuchen.

Die Stärke des Romans ist seine Faktendichte und die literarische Verarbeitung realer Geschehnisse. Rausch muss intensiv recherchiert haben, um die Abläufe derart minutiös niederschreiben zu können.

Einerseitskomprimiert Roman Rausch das Geschehen  auf eine kurze Zeitspanne, andererseits werden etliche Akteure eingebunden. Nicht immer gelingt dieses ambitionierte Vorhaben überzeugend, doch Bombennacht bietet einen interessanten, aufschlussreichen Blick auf die letzten Kriegstage in Deutschland und speziell auf den großen Bombenangriff auf Würzburg.

3/5 Schreibmaschinen

3Writer

Roman Rausch, Bombennacht, Echter 2016.

Advertisements

Möchtest du einen Kommentar verfassen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.