[Rezension] Sperling

sperling

Als im Jahr 2019 außerirdische Signale die Erde erreichen, wartet der Orden der Jesuiten nicht ab, bis eine staatliche Mission zu deren Ursprung aufbrechen soll. Eine Gruppe geeigneter Wissenschaftler rund um den Jesuiten und Linguisten Emilio Sandoz ist schnell gefunden und nach einer Phase gründlicher Vorbereitung bricht der Freundeskreis Richtung Alpha Centauri auf. Vier Jahre dauert die Reise, doch auf der Erde vergehen inzwischen siebzehn Jahre. Dann landen Sandoz und seine Begleiter auf dem Planeten Rakhat und beginnen mit seiner Erkundung.

2059 kehrt der einzige Überlebende der Mission auf die Erde zurück. Emilio Sandoz weist physische wie psychische Verletzungen auf, dennoch muss er sich einer Untersuchung der Vorkommnisse auf Rakhat durch seine Vorgesetzten stellen. Was er zu berichten hat, ist mehr als verstörend.

Die zwei Zeitebenen sorgen für Spannung. Einerseits begleitet der Leser die Mission nach Rakhat, andererseits wird schnell klar, dass diese schrecklich schiefgelaufen ist. So stellt sich in beiden Ebenen die Frage, was hat dazu geführt und was genau ist geschehen. Die Neugier des Lesers ist geweckt. Ungeachtet dessen nimmt sich Mary D. Russell viel Zeit, die Figuren einzuführen, ihre Vergangenheit auszuloten und Beziehungen untereinander darzulegen. Obwohl Sandoz als Protagonist gelten muss und als Verbindung zwischen den Personen fungiert, dienen weder er noch die anderen Figuren als Identifikationsfigur. Vielmehr nimmt der Leser stets die Position eines Beobachters ein, was jedoch nicht bedeutet, dass die Geschichte keinen emotionalen Effekt entwickeln würde. Dafür sorgen die liebevoll gezeichneten Charaktere als auch ihr Schicksal.

Entsprechend des Protagonisten, einem Jesuiten, werden verschiedene religiöse Themen von Mary D. Russel behandelt. Sind bestimmte Ereignisse von Gott gelenkt? Kann man trotz grausamer Ereignisse an ihn glauben? Oder sind diese unerlässlich, um den eigenen Glauben zu beweisen oder sogar eine stärkere göttliche Verbindung zu erreichen? Nimmt Gott Schicksale überhaupt wahr oder beobachtet er seine Schöpfungen nur, ohne einzugreifen? Doch auch andere Fragen werden aufgeworfen. Können menschliche Maßstäbe auf fremden Planeten und außerirdischen Wesen übertragen werden? Hat beispielsweise Musik überall die gleiche Bedeutung? All diese und noch mehr Fragen werden aufgeworfen, aber (selbstverständlich)nicht immer abschließend beantwortet. Trotz der religiösen Themen ist Sperling kein christlicher Roman. Der Leser soll nicht überzeugt oder in eine bestimmte Richtung gelenkt werden. Vielmehr wird er zum Nachdenken angeregt.

Es ist dem Roman anzumerken, dass viel Recherchearbeit eingeflossen sein muss. Technische Aspekte werden ebenso plausibel dargestellt wie religionswissenschaftliche oder linguistische. Dennoch driftet die Sprache nie in fachliches Geschwafel, sondern bleibt ausdrucksstark und prägnant. Allerdings erfordert sie sorgfältiges und aufmerksames Lesen, da sie vielschichtig und die Zusammenhänge mitunter komplex sind.

Sperling bietet gleichermaßen unterhaltsame, spannende als auch anspruchsvolle Lektüre, die den Leser auf positive Weise fordert und nachdenklich stimmt.

5/5 Schreibmaschinen

5Writer

Mary Doria Russel, Sperling, Heyne Verlag 2000.

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