[Rezension] Kontrolle

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USA im Jahr 2014:

Die junge Cassie lebt in einer von den großen Weltkriegen verschonten Welt. Bis auf lokale Scharmützel leben die Menschen in Frieden. Die Wirtschaft prosperiert. Der 11. September 2001 war ein Tag ohne besondere Vorkommnisse.

Doch das alles ist nur Fassade, wie Cassie seit der Ermordung ihrer Eltern weiß. Diese waren Mitglieder in der Korrespondenzunion, einer geheimen Vereinigung von Wissenschaftlern, die Forschungsergebnisse über die wahren Hintergründe austauschten. Dann wurden viele ihrer Mitglieder durch eine Anschlagsserie im Jahr 2007 getötet und die übrigen wurden in den Untergrund getrieben. Dorthin hat es auch Cassie, ihren Bruder Thomas und ihre Tante Nerissa verschlagen. Doch eines Abends beobachtet das Mädchen wie ein fremder Mann vor ihrer Haustür überfahren wird. Sie sieht, wie er verblutet und dabei eine verräterische grüne Flüssigkeit auf die Straße strömt. Ihr ist klar, dass die außerirdische Macht, welche die Erde kontrolliert, ihre Familie aufgespürt hat. Flucht ist die einzige Rettung. Doch da Nerissa nicht zuhause ist, vielleicht sogar schon ermordet wurde, muss Cassie allein mit ihrem Bruder verschwinden.

Die Grundidee des Romans und die damit einhergehenden philosophischen Fragen sind durchaus interessant. Was wäre, wenn die Menschheit zwar in Frieden und Wohlstand lebte, dies aber den Preis hätte, von einer fremden Macht kontrolliert zu werden? Muss die Symbiose zweier Lebewesen bzw. in diesem Fall zweier Lebensformen grundsätzlich von Nachteil für eine von ihnen sein? Ist es gerechtfertigt, gegen die fremde Macht vorzugehen, auch wenn ein Sieg möglicherweise mehr Nach- als Vorteile brächte?
Dass es sich bei der außerirdischen Lebensform um eine Schwarmintelligenz handelt, ist genauso plausibel wie die Folgerungen, die der Autor daraus zieht. Doch statt die Idee überzeugend auszuschöpfen, verkompliziert er sie durch unnötige Nebenschauplätze und verschenkt ihr Potenzial in Teilen sogar.
Anstatt die epochale Tatsache, dass die Menschheit von einer außerirdischen Macht in Schach gehalten wird, mit großem Brimborium und Zinnober angemessen zu enthüllen, wird all das relativ früh und unspektakulär offengelegt. Auch die Existenz der Korrespondenzunion, ihre Mitglieder und Ziele werden unumwunden enthüllt. Dabei hätten beide Aspekte wirklich für Spannung ohnegleichen und unvorhersehbare Wendungen sorgen können. Robert Charles Wilson hat sich jedoch entschieden, lieber auf einen althergebrachten Roadtrip samt Verfolgungsjagd zurückzugreifen, um Spannung zu generieren. Es entstehen durchaus spannende und überraschende Entwicklungen. Für nicht wenige sorgen selbstverständlich die außerirdischen Gegenspieler. Trotzdem entsteht der Eindruck, dass die Geschichte stark hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt.

Die Charaktere sind glaubwürdig, sprechen den Leser aber kaum emotional an. Cassie als toughe, mutige Einzelgängerin spiegelt den Stereotyp der Heldin derzeit angesagter Jugenddystopien wider. Ein bestimmter Handlungsstrang im weiteren Verlauf der Geschichte stützt diesen Eindruck ebenfalls. Vermutlich kann Kontrolle also beruhigt in besagter Genre-Schublade untergebracht werden. Das Genre hat selbstverständlich seine Berechtigung, doch in diesem Fall scheint Cassie eher eine typische Heldin als ein eigenständiger Charakter zu sein.

Sprachlich bietet Kontrolle solide Kost, die sowohl den rasanten Ablauf der Verfolgungsjagd gewährleistet als auch komplexe Zusammenhänge verständlich vermittelt.

Wilson hat also mit Kontrolle einen Science-Fiction-Roman vorgelegt, der glaubwürdig und unterhaltsam ist. Eine ansprechende Lektüre für Zwischendurch. Doch der Autor bleibt hinter seinen zahlreichen Möglichkeiten zurück, nach den sprichwörtlichen Sterne zu greifen. Letztlich wirkt es, als habe er sich pragmatisch auf den Showdown der Geschichte. Leider gereicht ihr dies zum Nachteil.

3/5 Schreibmaschinen

3Writer

Robert Charles Wilson, Kontrolle, Heyne-Verlag 2017.

Ein Dankeschön an das Bloggerportal und den Heyne-Verlag, die ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

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