[Rezension] Das Buch der Spiegel

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Unaufgefordert erhält Literaturagent Peter Katz den Anfang eines Manuskript, das seine Neugier weckt. Es geht um den ungeklärten Mord an einem Universitätsprofessor im Jahr 1987 und Richard Flynn verspricht, die wahren Hintergründe sowie den Mörder in seinem Buch zu enthüllen. Als Katz jedoch Kontakt mit ihm aufzunehmen versucht, erfährt er von Flynns Tod. Das versprochene Manuskript ist unauffindbar. So schnell möchte er die Hoffnung auf eine literarische Situation aber nicht aufgeben und holt seinen Freund, den Journalisten John Keller, ins Boot, um es zu suchen.

Die Geschichte wird von vier Erzählern rekapituliert, die entweder in die Vorgänge rund um den Mordfall involviert waren oder diese im Nachhinein untersuchen. Die Sprache gleicht sich den jeweiligen Perspektiven an, ist authentisch und fließend.

Im Laufe der Zeit lernt der Leser noch viele weitere Figuren kennen. Zeugen, Verdächtige und solche, die mit den Beteiligten in Verbindung standen. Jede bringt ihre ganz eigene Sicht auf die Vorgänge und Akteure mit. Die meisten Figuren werden weniger durch ihr Verhalten als durch Deutungen anderer Personen dargestellt. Da nicht nur viele, sondern auch widersprüchliche Angaben gemacht werden, ist es für die Ermittler wie den Leser äußerst schwierig, die einzelnen Persönlichkeiten einzuordnen. Das Bild, das entsteht, entspricht einem Zerrbild in einem Spiegelkabinett, bei dem man nie weiß, was real ist.

Ebenso verhält es sich mit dem Mordfall. Die Beschreibungen ändern sich mit jedem neuen Detail, das jemand hinzufügt. Etwas, das anfangs als Tatsache erscheinen mag, entpuppt sich bald als trügerische Erinnerung oder gar Lüge. Erinnerungen von Personen werden durch diverse Faktoren beeinflusst, getrübt, verändert oder vielleicht sogar erst erschaffen.

Nichts ist gewiss und so mäandert die Geschichte zwischen Realität und Fiktion, bis sich selbst der Leser darin verliert und nicht mehr entscheiden kann, welche Version, welcher Person er glauben möchte. Er wird selbst ein bisschen paranoid, denn irgendwann sieht er in jedem mysteriösen, aus dem Rahmen fallenden Detail das Puzzlestück in einer Verschwörung.

Die Struktur passt sehr gut zum Thema des Romans. Genauso wie die Erzähler wird auch der Leser auf die Suche geschickt. Auf die Suche nach kleinsten Bruchstücken, die hoffentlich irgendwann ein sinnvolles Bild ergeben. Immer mehr verschiebt sich der Fokus und letztlich steht nicht die Klärung des Mordes im Mittelpunkt, sondern die vielen, immer neuen und widersprüchlichen Hinweise. Auch wenn der Autor genau das beabsichtigt hat, löst es widersprüchliche Gefühle aus. Einerseits ist das alles sehr gekonnt und spannend gemacht. Es löst fast schon eine Sucht nach jedem neuen Hinweis aus und damit die Hoffnung, dem Rätsel endlich näherzukommen oder es gar zu lösen. Andererseits werden einige wirklich vielversprechende Fäden nicht weitergesponnen. Liegen brach und geraten in Vergessenheit. Ein wenig entsteht der Eindruck, dass der Autor hier und da lieber ein paar zusätzliche, zusammenhanglose Kapriolen schlägt, um noch mehr Verwirrung zu stiften, anstatt wenigstens einige der gewichtigen Ideen weiterzuspinnen. Dabei geht es gar nicht um glasklare Antworten, sondern nur um mehr Schritte in bestimmte, aufregende Richtungen. Der Prämisse des Romans hätte das keinen Abbruch geleistet.

An manchen Stellen wirkt es außerdem, als seien dem Autor handwerkliche Unachtsamkeiten unterlaufen. Zum Beispiel, wenn Menschen Fremden plötzlich intime Dinge über ihr Leben berichten. Oder, wenn Nebensächlichkeiten wie das Erstellen eines Führerscheinfotos bedeutsamer beschrieben werden, als solche, die sich tatsächlich um den Mord drehen. Andererseits kann argumentiert werden, dass Menschen manchmal eben so kommunizieren. Sie erzählen mehr als sie wollen oder angebracht wäre. Sie halten Dinge für bedeutsam, die für andere uninteressant sind.

Leider hält das Ende einen weiteren Wermutstropfen bereit. Dem Leser wird zuerst mit einem Erzählstrang gewunken wie dem Esel mit der sprichwörtlichen Möhre. Doch dann wird ihm nicht einmal eine knappe Zusammenfassung gegönnt. Ein wenig betrogen könnte sich der geneigte Leser an dieser Stelle durchaus fühlen.

Dass es von jeder Geschichte mindestens drei Versionen gibt, nämlich die der Beteiligten und die Wahrheit, zeigt Das Buch der Spiegel exzellent. Schaut man in einen Spiegel, wirft er das Bild des Betrachters zurück. Wird jemand nach seinen Erinnerungen befragt, beschreibt er nicht die Realität, sondern seine Wahrnehmung und Interpretation derselben. Die kurvenreiche, überraschende Suche nach der Wahrheit in einem Dickicht von Wahrnehmungen, Erinnerungen und Lügen trägt den Roman.

E.O. Chirovicis Werk entzieht sich jeglicher Erwartung, die der Leser mitbringen könnte. Gerade denen, die der Geschichte vorbehaltlos begegnen, werden trotz minimaler Stolpersteine einen Pageturner finden. Noch lange nach seinem Ende wird er zum Nachdenken anregen. Diejenigen, die hingegen einen Krimi erwarten, werden hingegen enttäuscht werden.

Vielen Dank an den Goldmann-Verlag und Lovelybooks, die im Rahmen einer Leserunde Manuskripte des Romans verlost haben.

4/5 Schreibmaschinen

4Writer

E.O. Chirovici, Das Haus der Spiegel, Goldmann-Verlag 2017.

VÖ: 27. Februar 2017

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10 Gedanken zu „[Rezension] Das Buch der Spiegel

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