[Rezension] Und jetzt lass uns tanzen

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„Ich bin Rentner, aber mein Herz hat keine Falten!“

Zitat aus „Und jetzt lass uns tanzen“.

Maguerite und Marcel haben erst vor wenigen Monaten ihre Ehepartner verloren, als sie sich bei einer Kur in den Bergen kennenlernen. Doch wie zwei Magnete fühlen sie sich voneinander angezogen. Sie ist eine verschüchterte Frau, die sich immer nach ihrem Ehemann gerichtet hat und ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse erst wiederentdecken muss. Marcel stammt aus Algerien, liebt die Musik seines Geburtslands und arbeitete im Zoo. Seiner Ehefrau hatte er geschworen, sie wäre seine erste und seine letzte Liebe. Maguerite und Marcel hadern mit sich, ob sie sich aufeinander einlassen sollen und können. Sie sind in ihren Siebzigern, waren nie mit jemand anderem zusammen als mit ihren Ehepartnern. Und da ist auch noch Maguerites Sohn, der in seiner Mutter nur eine alte Frau sieht, die ohne seine Fürsorge hilflos ist und Dummheiten macht. In Marcels Auftauchen sieht er sich bestätigt.

Karine Lambert erzählt skizzenhaft von dem Paar, ihrer individuellen Vergangenheit, Gegenwart und möglichen gemeinsamen Zukunft. Schlaglichter, die dennoch eine Nähe zwischen Leser und Protagonisten schaffen. Zum einen liegt das an den lebensnahen, sympathischen Hauptfiguren, deren Eigenschaften und Motivationen nachvollzogen werden können. Es wird deutlich, wie schwierig es für Maguerite ist, sich aus dem starren Leben mit ihrem Mann, dem sie sich völlig untergeordnet hat, zu lösen. Manchmal schwankt der Leser zwischen Frust und Wut, wenn Maguerite ihrem Sohn ohne Gegenwehr folgt. Allerdings ist sie keine Ausnahme ihrer Generation. Einer Generation von Frauen, die ihre eigenen Bedürfnisse häufig völlig hinter denen des Mannes und der Familie zurückstellten. Das wird ebenso glaubwürdig beschrieben wie ihre langsame Emanzipation. Marcel trauert sehr um seine Ehefrau und fühlt sich schuldig, als er sich in Maguerite verliebt. Auch die Sorge der Kinder wird ersichtlich. Der Roman weckt Verständnis für beide Seiten, gibt jedoch glücklicherweise den Eltern den Vorzug. Auch Tratschereien und die Missgunst der Umgebung werden beleuchtet. All das wirkt sehr realistisch.

Hervorzuheben ist auch das sprachliche Einfühlungsvermögen, mit dem die Autorin ihre Geschichte erzählt. Die Situation und Annäherung der zwei Liebenden sowie ihre Zweifel und Gefühle werden mit großer Kraft und einem Hauch Poesie vermittelt. Der Ton ist oft melancholisch, manchmal humorvoll, aber niemals deprimierend oder tieftraurig. Gedanken über Alter und Tod sind präsent, im Mittelpunkt stehen jedoch Leben und Liebe. Alles ist Teil eines großen Ganzen, wie in der Realität.

Einerseits macht die Liebesgeschichte Mut, stellt sich gegen das Vorurteil, man könne für Liebe zu alt sein oder dafür, Neues zu wagen. Das ist für Leser jeden Alters relevant, macht aber besonders Älteren Mut. In dieser Hinsicht stellt sich der Roman gegen Konventionen. Andererseits verfängt er sich letztlich in einem der Gemeinplätze, die heutzutage leider in vielen Büchern und Filmen zu finden sind, in deren Zentrum reife Figuren stehen. Besonders in Anbetracht der positiven Aspekte ist dies überaus enttäuschend. *Ein milder Spoiler hierzu ganz am Schluss der Rezension* .

Insgesamt ist Und jetzt lass uns tanzen ein schöner Roman für Zwischendurch. Eine Geschichte mit liebenswerten Figuren und einer klaren Botschaft. Sie begegnet Vorurteilen und macht Mut.

4/5 Schreibmaschinen

4Writer

Karine Lambert, Und jetzt lass uns tanzen, Diana-Verlag 2017.

Vielen Dank an den Diana-Verlag für das Zurverfügungstellen eines Rezensionsexemplars.

Milder Spoiler

Besonders frustrierend ist, dass Maguerite letztlich wieder in einer Abhängigkeit zu einem Mann landen wird. Auch, wenn ihr Verhältnis zu ihm völlig anders ist als zu ihrem Ehemann, wird ihre Emanzipation leider wieder umgekehrt.

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2 Gedanken zu „[Rezension] Und jetzt lass uns tanzen

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