[Rezension] Das Haus zur besonderen Verwendung

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In Das Haus zur besonderen Verwendung erzählt Georgi Jatschmenew seine wechselhafte Lebensgeschichte. Ihren Ausgang nimmt sie in einem kleinen russischen Dorf, führt über den Hof des letzten Zaren bis ins Exil nach London. Umspannt die Zeit von 1915 bis in die frühen Achtziger Jahre. Berichtet von den Brüchen in seiner Biografie, z.B. einem verhinderten Attentatsversuch auf den Vetter des Zaren, der Erschießung der Zarenfamilie, der Krebserkrankung seiner Ehefrau. Schlaglichter aus einem bewegten Leben, das dem Leitstern einer großen Liebe folgt.

Die Ausgangssituation ist nicht sehr glaubwürdig. Würde der Zar wirklich einen Bauernjungen ohne militärische oder höfische Ausbildung zum Vertrauten seines Sohnes, des Thronfolgers, bestimmen? Eines Jungen, der nicht nur mit dem Schicksal Russlands verbunden ist, sondern der auch eine tödliche Krankheit hat, die jeder Zeit zuschlagen kann? Nun gut, da dies der Motor ist, der die Geschichte zum Laufen bringt, muss der Leser es erst mal so hinnehmen. Eine weitere Ungereimtheit tritt jedoch auf, als Gregori und Zarentochter Anastasia sich ohne jeden Standesdünkel verlieben. Und dass die Liebenden ihre Beziehung in einem Palast mit all den dort lebenden und tätigen Menschen so lange geheim halten können, ist ein weiterer schwer zu glaubender Aspekt. Dies sind nur die auffälligsten, mit einem zugedrückten Auge aber hinzunehmenden Teile der Geschichte. Diese springt zwischen den Jahren und Ereignissen. Manches davon wirkt willkürlich und unbedeutend für den eigentlichen Erzählstrang. Dadurch entsteht die ein oder andere Länge, die aber durch den angenehmen Sprachstil abgemildert wird. Leider gibt es am Schluss kein Aha-Erlebnis, das noch alle Teile zu einem überraschenden Ganzen zusammenfallen lassen würde. Im Zentrum aller Begebenheiten steht jedoch die Georgis Zeit am letzten Zarenhof, die dann auch die interessantesten Momente bietet.

Trotz der Schwächen des Plots schafft es der Autor , dass der Leser wissen möchte, wie es weitergeht. Zum einen ist es die Frage, ob Anastasias Schicksal sich so entwickelt wie man schon relativ früh erahnt. Und ja, da gibt es wenig Überraschendes. Zum anderen liegt es in erster Linie daran, dass er mit seinem Protagonisten einen gefühlvollen Beobachter geschaffen hat. Die Gefühlswelt aller Figuren wird ebenso nachvollziehbar dargestellt wie das Leben an den verschiedenen Schauplätzen oder die psychischen Nachwirkungen der Oktoberrevolution. Hier liegt die Stärke des Romans.

Trotz der Schwachpunkte, die sich in einer Rezension stärker darstellen als während des Lesens, ist John Boyne ein kurzweiliger Roman gelungen. Dieser gibt nicht vor, die russische Geschichte penibel aufarbeiten zu wollen, dennoch schafft er es, das Interesse für sie zu wecken oder zu unterstützen. Das Haus zur besonderen Verwendung ist schlicht und einfach ein solider Unterhaltungsroman.

3/5 Schreibmaschinen

3Writer

John Boyne, Das Haus zur besonderen Verwendung, Piper-Verlag 2011.

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