[Rezension] Lothar Orbach: Soaring Underground

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Larry Orbach berichtet über die dunkelste Zeit seines Lebens, die des Nationalsozialismus. Er beschreibt den täglich stärker werdende Antisemitismus, wie seine Brüder in die USA emigrieren können, sein Vater aber an „seinem Vaterland“ festhält bis er selbst von dessen Vertretern ermordet wird. Er ist noch ein Teenager als er und seine Mutter abgeholt werden sollen. Doch sie schaffen es, zu fliehen und in den Berliner Untergrund zu gehen. Fortan schlägt Lothar sich als Gerhard Peters durch, baut auf Freunde, findet Verbündete und tut Dinge, die er früher niemals für möglich gehalten hätte. Doch sein Überlebenswille lässt ihn all das ertragen, meistern und hin und wieder sogar Freude empfinden.

Die Erlebnisse und Empfindungen, die L. Orbach damals durchlebte, werden so lebendig geschildert, dass man sich an seine Seite versetzt fühlt. Die Menschen, die ihm wichtig sind, ihm helfen, werden auch dem Leser sehr vertraut. So sehr, dass er um ihr Wohlergehen ebenfalls besorgt ist. Neben Lothar hinterlassen vor allem Hans, Opa (wenn auch nicht nur positiv) und Anton einen bleibenden Eindruck. Es wird außerdem deutlich, dass es nicht nur fanatische Nationalsozialisten gab, sondern auch Deutsche, die warmherzig und hilfsbereit waren und dementsprechend handelten.

Lothars Waghalsigkeit, sein mitunter ungemeines Glück, manch aberwitzig scheinende Situation und die flotte Sprache lassen Soaring Underground oft wie einen Abenteuerroman anmuten. Gleichzeitig ist die ständige Bedrohung von Leib und Leben der Untergetauchten allgegenwärtig. Es wird nichts beschönigt oder dramatisiert. Die Sprache immer treffend und pointiert. Die dunklen Seiten im Leben eines Untergetauchten werden ebenso nachvollziehbar wie die hellen Momente, die es trotz allem gab. Diese entstanden nicht selten aus der einfachen Tatsache, dass er ein junger Mann war, der trotz oder gerade wegen der lebensbedrohlich Situation sein Leben genießen wollte. All das wird mit so leichter Hand und so viel Gefühl bei gleichzeitiger Konzentration auf das Wesentliche eingefangen, dass es einfach fesseln muss.

Larry Orbach und seiner Tochter Vivien Orbach-Smith ist es gelungen, sein Leben als Taucher gleichermaßen lebendig als auch einfühlsam zu beschreiben. Es ist eine bedrückende Geschichte, die dennoch leichtfüßig erscheint. Soaring Underground ist wie alle anderen Bücher über den Holocaust von ungemeiner Bedeutung. Jedes von ihnen entreißt Menschen dem Vergessen. Ihre Geschichte, ihre Helden- und Missetaten, ihr Schicksal bilden ein Puzzlestück, das keinem anderen gleicht. Nur, wer sich mit ihnen beschäftigt, kann etwas aus der Geschichte lernen. Und wenn man die Handlungsorte vielleicht selbst kennt, dann schafft es dieses Buch noch mal umso mehr, einen Bogen zur Vergangenheit zu schlagen.

5/5 Schreibmaschinen

5Writer

Larry Orbach, Vivien Orbach-Smith, Soaring Underground, Kowalke & Co. Verlag 1998.

2 Gedanken zu „[Rezension] Lothar Orbach: Soaring Underground

  1. Vivien Orbach-Smith

    Thanks for this wonderful review in your great blog, which I just discovered! For your information, Soaring Underground was recently reissued by the British publishing house I.B. Tauris under a new title, Young Lothar. There is also a walking tour in Berlin (Prenzlauer Berg), narrated by me (Vivien Orbach-Smith) about my father’s life. More on the website http://www.younglothar.com. I hope you can draw attention to the new edition–a story needed more than ever in our crazy world. Best wishes to you, Vivien ps Bette Davis has always been one of my favorite actresses of all time. „All About Eve,“ „Now Voyager“…omg!

    Gefällt 1 Person

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Dear Mrs. Orbach-Smith, 

      Thank you very much for your hearty comment. It has been a wonderful surprise and I’m really happy that you contacted me. Your appreciation of my review is really an honour. The destiny of your father has touched me deeply and it is so unimaginable horrible what he and others had to experience.
      Thank you also for the information about the walking tour in Berlin. Maybe I could participate in it during my next stay in Berlin.

      Your book has not only impressed me but also inspired the subject of my dissertation. This will be about specific questions and difficulties in the life of hidden persons in Berlin during the NS-regime.
      Now I am still researching, but would you mind if I contacted you in case any possible questions arise later?

      I love Bette Davis as well. She was such an independent and strong personality and her movies reflect that, I think.

      Thank you again for your message.
      I wish you all the best.
      Sincerely yours, Katharina

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