[Rezension] Ich, Heinrich VIII.

Heinrich VIII

Vielleicht der berühmteste König von England. Bestimmt aber der berüchtigste Herrscher der Insel. Das war Henry VIII. Nachfolger seines Vaters Henry, dem ersten König aus dem Hause Tudor nach den blutigen Rosenkriegen zwischen dem Hause York und dem Hause Lancaster.

Am bekanntesten ist Henry wohl für die Anzahl seiner Ehefrauen und seine mehr oder weniger blutigen Trennungen von ihnen. Er ließ sie jedoch nicht alle umbringen, wie es manchmal kolportiert wird.

Es ist bewundernswert, dass die Autorin sich diesem Leben so umfassend gewidmet hat, es erforscht und niedergeschrieben hat. Und es ist umso erstaunlicher, dass sie es über eine solch hohe Seitenzahl schafft, eine interessante, spannende und kurzweilige Geschichte zu schaffen.

Die Sprache trägt ihren Teil dazu bei, denn obwohl sie einen leicht altertümlichen Klang hat, birgt sie eine gewisse Modernität und ermöglicht ein temporeiches Lesen.

Margaret George hat in ihrem Roman versucht, den Dingen aus Henrys Sicht eine Bedeutung zu geben. Sie wählte dafür die Form des Tagebuchs, in dem sie ihn von den Geschehnissen seines Lebens und seiner Regierungszeit erzählen lässt. Heinrich wird all seiner Legenden entledigt und als Mensch gezeigt. Als Mann, der hofft, glaubt, liebt, irrt, kämpft, scheitert, seine Macht ausübt und gleichzeitig häufig ohnmächtig ist.

Kommentiert wird das alles von seinem Hofnarren Will, der angeblich nach dem Tod des Königs das Tagebuch an sich genommen hat. Er relativiert manch subjektive Wahrnehmung seines Herrn oder kommentiert die Begebenheiten als unbeteiligter Beobachter.

Entsprechend dem Stilmittel des Tagebuchs lernt der Leser in erster Linie Heinrichs Charakter kennen. Sehr eindrucksvoll wird seine Entwicklung gezeigt. Anfangs ist er der zweitgeborene Sohn, vom Schicksal nicht dazu bestimmt, die Königswürde zu erben. Doch schließlich folgt er seinem Vater auf den Thron und wandelt sich zum selbstbewussten Herrscher bis hin zu einem alten, kranken Mann, der von unter Verfolgungswahn litt. Allerdings wird nicht klar, warum er so sehr davon besessen war, jede Frau, die ihm gefiel, ehelichen zu müssen. Anscheinend musste er sie nur sehen, um sich in sie zu verlieben und sie um ihre Hand zu bitten. Und das in einer Zeit als es für Könige üblich war, eine oder mehrere Mätressen zu haben. Sollte er doch ein Romantiker gewesen sein?

Die übrigen Figuren werden durch Henrys Blick wahrgenommen, ihre Beweggründe durch ihn erklärt. Dies führt dazu, dass sie ein wenig entrückt wirken und der Leser keine wirkliche Beziehung zu ihnen aufbaut. Nichtsdestotrotz werden alle Personen nicht als historische Statuen gezeigt, sondern als Menschen, die sich im Grunde mit den gleichen Problemen und Wünschen beschäftigen wie die Leute heutzutage.

Selbstverständlich bleibt der Roman Margaret Georges Interpretation der Geschichte, die lediglich eine Annäherung an den Monarchen und seine Biographie sein kann. Allerdings ist es eine prächtige und glaubwürdige Erzählung voller Sinneseindrücke. Es gelingt auf sehr bildhafte Weise, die Atmosphäre am Hofe, das damalige Leben und die Jahreszeiten, einzufangen.

Wenn sich auch die letzten Kapitel etwas ziehen, fliegen die Seiten generell überraschend rasch dahin und bieten eine absolut lebendige Geschichtsstunde.

4/5 Schreibmaschinen

4Writer

Margaret George, Ich, Heinrich VIII., Bastei Lübbe 2009.

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6 Gedanken zu „[Rezension] Ich, Heinrich VIII.

      1. Herba

        Ach, mach Dir nichts draus! Das war bei mir noch zu Schulzeiten, wo ich erstens noch viel mehr Zeit zum Lesen hatte und außerdem unter chronischem Lesemangel gelitten habe. Von daher lag es nahe, tolle Bücher öfter mal wieder in die Hand zu nehmen 🙂

        Gefällt 1 Person

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