[Rezension] Die drei Sonnen

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Gegenüber der Idiotie war die Vernunft machtlos“ S. 376

In den Sechziger Jahren wütet die sogenannte Kulturrevolution in China. Unliebsame politische Gegner und einflussreiche Persönlichkeiten werden drangsaliert und umgebracht. Der Physikprofessor ist eines der Opfer. Seine Tochter Ye Wenjie, ebenfalls Astrophysikerin, muss seinen Tod ebenso wie den Verrat ihrer Mutter mitansehen. Obwohl sie selbst als verdächtig eingestuft wird, sorgt ein ehemaliger Student ihres Vaters dafür, dass sie an dem geheimen Forschungsprojekt Rotes Ufer mitwirken kann. Dieses zielt darauf ab, anderen Regierungen dabei zuvorzukommen, Außerirdische zu entdecken und Kontakt zu ihnen aufzunehmen.

38 Jahre später ereignen sich mysteriöse Dinge. Der Nanotechnologe Wing Mao sieht sich plötzlich darin verstrickt und versucht, ihnen auf den Grund zu gehen. Welche Rolle spielt dabei das Computerspiel „The Body“?

Cixin Liu legt mit Die drei Sonnen den ersten Teil einer Trilogie über den ersten Kontakt zwischen Menschheit und Außerirdischen vor.

Anfangs mutet die Geschichte wie ein historischer Roman an. Obwohl die Zeit der Kulturrevolution nicht ausschweifend behandelt wird, wird die damals herrschende Grausamkeit und die grundsätzliche Unsicherheit, nichts und niemandem vertrauen zu können, sehr deutlich. Schon die erste Szene involviert und berührt den Leser sehr stark. Stärker als es dann der Rest vermag. Auch später gibt es immer wieder Rückblenden in diese Zeit, die weitere Informationen bereithalten.

Der zweite Handlungsstrang zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass der Leser wissen möchte, was sich hinter den merkwürdigen Geschehnissen verbirgt, die u.a. einen Angriff auf die Wissenschaft darstellen. Fast scheint es, als erlebten wir selbst gerade dieses Phänomen. Immerhin ist ein „Marsch für die Wissenschaft“ nötig. Es mangelt dem Roman also nicht an überzeugenden und interessanten Ideen, die allesamt glaubwürdig hergeleitet werden. Auch die Frage, wann und wo die Außerirdischen auftauchen werden, schürt die Neugier. Doch diese lassen erst mal auf sich warten.

Stattdessen werden viele Problemstellungen der Physik ausführlich erörtert. Diese gewähren durchaus interessante Einblicke in die Forschung, bringen auch unkundigen Lesern die Disziplin etwas näher. Andererseits fordern sie den Leser im Rahmen der Geschichte sehr. Das liegt weniger an ihrer Komplexität als an ihrem Umfang und ihrer Vielzahl. Statt diese oder jene Theorie nur zu erwähnen oder kurz anzureißen, werden sie alle detailliert dargelegt. Hier wäre weniger mehr gewesen. Seitenweise wird beispielsweise das Experiment zur Entfaltung eines Protons inklusive aller Fehlversuche und ihrer Auswirkungen beschrieben. Das wirkt auf die Dauer schlicht ermüdend, verleitet dazu, manches zu überlesen und hemmt sowohl Lesefluss als auch den Spannungsbogen. Dieser könnte andernfalls weitaus mehr wirken, denn trotz mancher Vorhersehbarkeit, hält er doch einige Überraschungen und wohldurchdachte Entwicklungen bereit.
Leider wird das Tempo ebenfalls sehr stark durch die Szenen, die im Computerspiel angesiedelt sind, beeinträchtigt. Obwohl sie eine essentielle Rolle für die Geschichte spielen, wirken sie wie ein Bruch, wie losgelöst von der übrigen Handlung. Leider überzeugen sie weder durch einen gelungenen Spannungsaufbau, noch durch Atmosphäre. Sie muten abstrakt an, es werden zu viele Elemente vermischt und der Autor verliert sich in Gedankenspielen, die auf Dauer langweilen. Der Leser muss schon sehr interessiert an Computerwelten und physikalischen Problemstellungen sein, um die Abschnitte genießen zu können.

Sprachlich überzeugt der Roman mit Verständlichkeit und einem flüssigen Tempo. Es gibt manch gelungene Formulierung. Es ist sehr erfreulich, dass der Autor dem komplexen Inhalt eine klare Sprache an die Seite stellt und den Leser nicht mutwillig ärgern möchte. Vermutlich gewinnt sie im Original, da sich die Übersetzung vom Chinesischen ins Deutsche sicher sehr schwierig gestaltet und manch Abstrich gemacht werden muss.

Die Figurenzeichnung gelingt nur im Fall von Ye Wenjie, deren Werdegang und Motivation ausführlich und nachvollziehbar geschildert werden. Alle anderen Figuren verharren vorerst an der Oberfläche, obwohl hier und da Potential aufblitzt. Es wird einfach zu wenig über ihr Leben preisgegeben. Der Autor legt seinen Fokus im ersten Teil seiner Trilogie klar auf Ye Wenjie und die Einführung der wissenschaftlichen Grundlagen und Problemstellungen. Allerdings werden immer wieder Seitenhiebe auf die Politik und das Wesen der Menschen verteilt. Ein bisschen Humor schimmert ebenfalls stellenweise durch.

Es ist wirklich spannend und abwechslungsreich, dass die Geschichte an einem für dieses Genre eher ungewöhnlichen Handlungsort angesiedelt ist. Auch solch ein ernstes Thema wie das der Kulturrevolution mit dem ersten Kontakt von Menschen und Außerirdischen zu verbinden, ist sehr innovativ. Welche Auswirkungen die politischen Zustände in China auf die Entwicklung der Handlung haben, wird sehr nachvollziehbar erklärt.

Die drei Sonnen (es hätte passendere Titel gegeben) lässt viel Potenzial erkennen. Einerseits legt Liu spannende Fährten, andererseits bestehen Längen, über die der Leser nur begrenzt hinweggetröstet wird. Ob ein Leser auch die Fortsetzung Der dunkle Wald lesen möchte, hängt ganz davon ab, wie er die beiden Dinge gewichtet. Andererseits besteht die Hoffnung, dass Menschen und Außerirdische in direkten Kontakt treten werden. Es bleibt also spannend.

Die drei Sonnen erhält 3 von 5 Schreibmaschinen.

3Writer

Cixin Liu, Die drei Sonnen, Heyne 2017.

Vielen Dank an den Heyne-Verlag und das Bloggerportal für ein Rezensionsexemplar von Die drei Sonnen.

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