[Rezension] Die Seelenheilerin

Seelenheilerin

London, 1838:

Die Schauspielerinnen Cordelia und ihre beste Freundin Rillie schlagen sich mehr schlecht als recht durch. Als sie kurz davor stehen, in einem Stück durch einen Elefanten ersetzt zu werden, schmeißen sie das Engagement hin. Obwohl sie erst in ihren frühen Vierzigern sind, dürfen sie fast nur noch als „alte Damen“ auftreten. Doch in letzter Zeit werden selbst diese Rollen an jüngere Schauspielerinnen vergeben. Die Aussichten sind also denkbar schlecht.
Da erinnert sich Cordelia an die Kunst, die ihre geliebte Tante Hester, ausgeübt hat. Den Magnetismus. In letzter Zeit hat das Interesse daran deutlich zugenommen und überall gibt es magnetistische Vorführungen. Nicht alle sind seriöser Natur. Die Freundinnen staffieren sich und Cordies Kellerwohnung von ihrem Ersparten aus und eröffnen eine Praxis. Bald schon verzeichnen sie erste Erfolge. Doch obwohl es wie der Beginn einer glücklicheren Zeit anmutet, lastet die Vergangenheit und ein großer Verlust auf Cordelia.


Barbara Ewing ist eine brillante Erzählerin. Sie geht mit großer Liebe zum Detail und ihren Figuren ans Werk. Schon auf den ersten Seiten wird der Leser ins London des 19. Jahrhunderts hineingezogen. Fahrende Kutschen, stinkender Unrat auf den Straßen, beengte Wohnverhältnisse, der allgegenwärtige Nebel – all das schafft ein fast sinnliches Leseerlebnis. Fast hat man das Gefühl, neben den beiden Freundinnen zu stehen und sie als Dritte im Bunde zu begleiten.

Die Seelenheilerin ist fest im viktorianische Zeitalter verankert, zeigt aber gesellschaftliche Haltungen auf, die nicht allzu weit entfernt von unserer Gegenwart sind. Das macht den Roman einerseits zu einem wunderbaren historischen Schmöker und andererseits sehr modern und relevant.

Barbara Ewing zeigt glaubhaft und mitreißend den Kampf zweier Frauen um Selbstständigkeit und Selbstbestimmung entgegen den Konventionen ihrer Zeit. Cordelia und Rillie sind zwei außergewöhnliche und patente Frauen, die sich in einer rauen Welt durchschlagen müssen und dies trotz aller Widrigkeiten angehen. Ihr Weg ist holprig, voller Schwierigkeiten und schwerer Momente. Diese sind genauso gesellschaftlicher wie persönlicher Natur. Dennoch gehen sie beherzt voran und halten zusammen. Wer diese Damen nicht für ewig in sein Herz schließt, sollte das Buch direkt noch einmal lesen. Die Autorin beschreibt die Freundinnen voller Tiefgang und mit so viel Sympathie und Verständnis, dass sie als komplexe Charaktere lebendig werden. Auch die anderen Figuren sind sehr gut getroffen, ihre Funktion innerhalb der Geschichte immer gegeben. Ihre Motive und Antriebskräfte werden sehr gut herausgearbeitet und auch die Zwänge, denen Männer unterliegen, werden nicht ausgespart.

Besonders hoch anzurechnen ist der Autorin auch, dass hier ein Bild von Familie jenseits konventioneller Vorstellungen vermittelt wird. Ihr Familienbild zeichnet sich weniger durch verwandtschaftliche Verbindungen aus als durch Liebe und bedingungslosen Zusammenhalt. Eine Konstellation, die auf Freiwilligkeit basiert und auch neuen Mitgliedern offensteht. Deshalb ist es besonders schön zu sehen, wie sich der Kreis um die Freundinnen im Laufe der Zeit vergrößert.

Die Handlung nimmt sich Zeit zur Entwicklung, ist jedoch niemals langatmig oder mit überflüssigem Beiwerk versehen, sondern stets konsequent und zielführend. Sie ist abwechslungsreich, voller Wendungen und Gefühl, tragisch und dennoch frei von Kitsch. Auch die Beschäftigung mit dem Magnetismus wird niemals lächerlich gemacht, sondern dem Leser näher gebracht.

Die Seelenheilerin zeichnet ein pralles, sattes Gemälde einer Zeit, in der Frauen es ohne männlichen Partner sowohl privat als auch beruflich schwer hatten. Als Leser kann man sich in der Geschichte versenken und in Cordelia und Rillie zwei liebenswerte, charmante Freundinnen für’s Leben finden. In Anbetracht der Fortsetzung ging es der Autorin wohl glücklicherweise ebenso.

5/5 Schreibmaschinen (eigentlich wäre es eine glatte 10!)

5Writer

Barbara Ewing, Die Seelenheilerin, Rowohlt Taschenbuch 2009.

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